Schlecht behütet

In unserem beschaulichen Dörflein scheint die Sonne.
Das ist schön.
Irgendwie jedenfalls.
Einerseits.
Andererseits besitze ich keinen Hut, keine Schirmmütze, und kein spitzenverziertes Sonnenschirmchen; nichts, was meine empfindliche Gesichtshaut vor Sonnenbrand schützen würde. Natürlich gibt es da noch die Geschäfte unten im Ort, und tatsächlich sehe ich da lustige Caps im Schaufenster. Nur – ich komme nicht rein in die Geschäfte. „Nur mit tagesaktuellem Coronatest“ steht da nämlich, und so etwas habe ich gar nicht.
Wie schön, dass es da noch diesen großen Versandhändler gibt. Mein Sohn hat gerade begonnen, bei denen in der Kundenbetreuung zu arbeiten, und Leute, die meinem Sohn einen Job geben, die mag ich. Ich bestelle mir also einen preiswerten Strohhut mit „garatiertem Liefertermin morgen“. Der andere, der erst nächste Woche kommt, ist schöner, aber ich bin es meiner armen Nase schuldig, den Sonnenschutz schnell zu organisieren.

Heute ist morgen. Also, heute ist der Tag, an dem mein neuer Strohhut kommen sollte. Wie man dank meines Gebrauchs des Wortes „sollte“ schon vermuten kann, ist der Strohhut nicht da.
„Dein Arbeitgeber ist soooo doof“, schreibe ich meinem Sohn. „Die haben das versprochen. Versprochen! Meine Nase… ich sehe aus wie Obelix in der Schweiz, und ich habe das ganze Wochenende keinen Strohhut, und dann hätte ich auch den anderen Hut bestellen können, der war viel schöner und…“
„Schreib mal dem Kundenservice“, sagt mein Kind.
„Das hilft meiner Nase auch nicht“, nörgle ich zurück.
„Mach’s trotzdem“, sagt mein Kind.
Ich schreibe also dem Kundenservice und klage ihm mein grenzenloses Leid – und komme mir nur ganz wenig albern dabei vor. Dann drücke ich auf „Senden“ und bekomme eine kurze Information, dass eine Antwort schon so um die 12 Stunden dauern könnte. Allerdings… nach gerade mal zehn Minuten habe ich eine Mail im Postfach. Und fühle mich so richtig verstanden.
„Lieber Kundin“, steht da, und dann erzählt der nette Mensch von der Kundenbetreuung, dass er sowas auch gar nicht leiden kann, wenn man sowas verspricht und nicht hält und dass er beim Versand angerufen hat um zu erfahren, was da los war. Er schreibt, er habe denen gesagt, dass das ja wohl gar nicht ginge, und habe nochmal meine Adresse kontrolliert, damit mein strohhutloses Leben bald ganz sicher der Vergangenheit angehört.
„Er hat die bestimmt voll zur Sau gemacht, nur wegen meines Strohhutes“, schreibe ich meinem Kind.
„Jaaa… er ist denen das Büro eingerannt, ich hab davon gehört“, gibt mein Kind zurück und setzt dann noch zu: „…und dann ist er noch ins Verteilzentrum gerannt und hat unterm Fließband geschaut, aber da war dein Hut auch nicht.“
„Für soviel Aufopferung hab ich ihm die volle Punktzahl gegeben“, sage ich.

Meine Nase pellt inzwischen. Irgendwann werde ich sicher einen Strohhut haben. Einstweilen habe ich einen Gutschein für meine nächste Bestellung bekommen, die der nette Mensch vom Kundenservice mir spendiert hat. Und ich hatte viel Spaß beim Herumalbern mit meinem Sohn.

Und das ist irgendwie am wertvollsten.

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