Sendepause

Kleine Sorgen machen gesprächig.

Große Sorgen machen stumm.

 

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Sommerfreude

Vor ein paar Jahren habe ich alle kleinen Kinder-Planschbecken an die Kinder aus der Nachbarschaft verschenkt. So etwas Blödes wäre Oma nie passiert. Oma hat immer alles aufbewahrt und war daher auch auf alle Eventualitäten vorbereitet. Zum Beispiel hätte sie ganz sicher damit gerechnet, eines Tages während einer widerlichen Hitzeperiode einen Bulldoggenwelpen mit einer ganz aus der Art geschlagenen Liebe für Wasser zu besitzen.
Da ich nicht so vorausschauend wie Oma bin, habe ich ein neues Planschbecken gekauft. Und das Baby hat seinen Spaß.

Teufelchen2

Ach ja, und Oma hätte den Welpen bestimmt auch nicht nach Mitternacht gefüttert, dann verwandelt er sich nämlich.

Teufelchen

In irgendwas ganz Merkwürdiges.

Informationsüberschuss

Gestern hab ich gestarrt. Doch, das passiert. Ich starre manchmal Wände an oder, wenn die Wände von Regalen bedeckt sind, dann eben in Regale. Das Gestarre gestern war nicht ganz so unspannend wie Regale: vor mir fuhr ein Fahrradfahrer, einer von denen, deren Fahrrad teurer ist als ein durchschnittliches Auto und deren Körper man ansehen kann, dass das Fahrrad auch benutzt wird. Das Ganze steckte in hautengen, funktionalen Radlerhosen. Sehr attraktiv, so von hinten.

Das war nicht der Grund, warum ich starrte. Der Grund war, dass aus den des Mannes gestählten Luxuskörper umhüllenden Radlerhosen zwanzig Schilder flatterten.
Früher gab es eins – da stand dann drauf, wie die Hose zu waschen war und Schluss. Inzwischen gibt es für jede Information, die der Radlerhosenhersteller mitzuteilen wünscht, ein eigenes Schild: Waschanleitung, Herstellungsort und Datum, Name und Adresse der bengalesischen Näherin, welche das Vorderteil an das Hinterteil der Hose genäht hat, Kinderkrankheiten der zweiten Näherin, welche die Schilder eingenäht hat, die genaue Aufdröselung der Inhaltsstoffe der Hose sowie die ersten drei Kapitel von „Krieg und Frieden“ – beginnend von „Nun, Fürst“ bis hin zu dem wundervollen Satz „Nichts bildet einen jungen Mann so wie die Gesellschaft geistreicher Damen.“ Auf Deutsch, Englisch, Niederländisch und Bengalesisch. In seiner Hose. Oder eben außerhalb davon, wenn man nicht aufpasst.

Mir scheint entgangen zu sein, wann das Vorschrift wurde, so viel zu schreiben, aber auch in Überraschungseiern ist inzwischen mehr zu lesen als zu Spielen drin. In denen wird zwar die Waschanleitung übergangen, dafür gibt es aber eine Aufzählung aller Länder, in denen das Spielzeug benutzt werden darf (dabei wäre es viel simpler, das eine Land zu benennen, welches in Überraschungseiern einen Angriff auf die Volksgesundheit sieht). In siebzehn Sprachen.
Ich lese ausgesprochen gerne, aber zuviel Information ist jetzt auch nicht so toll, und aus Hosen im Fahrtwind flatternde Informationen sind mir wirklich suspekt.

Während der Fahrradfahrer nach links abbog (und es aus seiner Hose nach rechts flatterte) musste ich an meine Freundin denken, die mir von ihrer indischen Tante erzählte. Die Tante trug stets traditionelle Saris. Allerdings machte sie, wenn sie nach Deutschland zu Besuch kam, ein Zugeständnis an die hiesigen Sitten.
„Bevor sie herkommt“, sagte meine Freundin, „lässt sie sich immer von ihrem Schneider Unterhosen nähen“. Ich glaube fast, ein privater indischer Unterhosenschneider legt nicht ganz soviel Wert auf Informationsüberschuss in Kleidungsstücken, wie es Radlerhosenhersteller tun. Trotzdem konnte ich mir nur mit Mühe das Starren (und das Grinsen) verkneifen, als ich jene Tante endlich kennenlernte.

Manchmal sind auch mündlich zugetragene Informationen einfach zuviel für meinen Seelenfrieden.

König des Kapitalismus

Kennt ihr diese Geschichten, in denen man irgendwas Böses über seinen Job schreibt und der Chef durchforstet das Internet nach diesen Einträgen und feuert dann seine Angestellten? Ich glaube, sollte mein Chef zufällig auf dieser Seite landen, würde er mir auf die Schulter klopfen und uneingeschränkt Recht geben. Abgesehen davon, dass ich meinen Job an der Kasse eines Baumarktes mag. Wirklich. Ist ein ganz toller Job. Nur die Kunden, die stören irgendwie. Der neulich zum Beispiel: Kommt mit Frau und Kind an meine Kasse. Kind trägt einen Kescher, knallt ihn mir ins Auge. Die Mama ruft entsetzt: „Elias, pass doch auf!“ Darauf der Vater: „Ach, das geht schon…“ Ganz ehrlich mal, es ist nicht seine Entscheidung, ob das geht oder nicht. Das Kind hat mir weh getan, nicht ihm, und nein, es ist nicht in Ordnung, jemand anders wehzutun, auch wenn das nur eine doofe Kassiererin ist und er natürlich was viel Besseres ist. Seit diesem Tag kennt meine Kollegin übrigens das schöne Wort „Kackbratze“. Kannte sie vorher nicht. Sie liebt es.
Besonders beliebt bei Kunden ist es, Bonstorni zu fabrizieren. Natürlich kann man niemals vorher gucken, was irgendeine Ware kostet, aber das ist ja für Anfänger. Es geht noch viel besser.
Kundin: „Ich will eine Tüte“
Ich: „Sie können sich da eine Tüte wegnehmen. Die kosten zwanzig Cent.“
Die Kundin nimmt die Tüte, ich scanne sie ein: „Das macht dann zwanzig Cent“.
Kundin: „Nö“. Und geht. Bonstorno (über zwanzig Cent).
Oder der hier:
Kundin, nach dem Scannen: „Kann ich die Pflanze ins Beet setzen?“ (Ey, ich bin Kassiererin, keine Gärtnerin. Woher soll ich das wissen??? Okay, ich versuchs mal)
Ich: Das ist eine Zimmerpflanze. Die wird Ihnen im Winter eingehen, wenn Sie sie draußen lassen.“
Kundin: „Dann nehm ich sie nicht“
Bonstorno.
Auch schön: Der Kunde legt seine Ware aufs Laufband. Ich scanne sie ab, sage den Preis. Er: „Ich will das nicht kaufen. Ich will es zurückgeben!“ (ARRRRRRRRRRRRGHHHHHHHHH!)
Natürlich bin ich nicht die Einzige, die sich mit den merkwürdigen Ideen von Kunden herumschlagen muss. Auch unser Detektiv kann ein Lied davon singen. Da sagt der beim Klauen erwischte Typ zu ihm: „Ich bin hier Stammkunde. Ich lasse hier soviel Geld, da ist es doch wohl egal, ob ich das hier bezahle oder nicht.“ Ja. Klar.
Oh, wisst ihr, was auch noch lustig ist? Orte, aus denen Leute ihre Geldscheine ziehen. Hosentaschen sind sehr beliebt – nur wenn die Scheine dann feucht sind, dann ist das irgendwie… naja… man macht sich schon so seine Gedanken. Oder die Frau, die ihre Geldscheine aus dem BH zog. Bei 40 Grad Außentemperatur. Es gibt so Sachen, die will man nicht wirklich. Obwohl die Sprüche dazu zum Teil witzig sind: (Mann, in der Hosentasche wühlend): „Warten Sie, ich gucke, ob ich was Kleines da drin hab“ (Ohgott, nein, bloß nicht rausholen!!!). Überhaupt, die Sprüche. Ich meine, ich stehe da an der Kasse, die Schranke ist auf, das Licht leuchtet grün, ich habe einen Scanner in der Hand. Kunde kommt, guckt: „Haben Sie auch geöffnet???“ (Nein, ich warte auf den Bus). Oder auch nett: „Sind Sie frei?“ (wieso? Wollen Sie mich zum Essen einladen?) Und: „Kann man bei Ihnen auch bezahlen?“ (????)
Wobei das ja irgendwie noch witzig ist. Aber ganz ehrlich – die Kunden sind nicht immer witzig. Gar nicht. Sowas wie das mit dem Kescher ist mal einer Kollegin passiert. Der Mann knallte ihr ein Holzbrett an den Kopf und pöbelte dann: „Passen Sie doch besser auf, wenn Sie noch länger leben wollen.“ Einer der Momente, in denen ICH richtig laut geworden bin. Richtig laut. In solchen Fällen stellt sich der Chef auch immer auf unsere Seite. Ich selber lasse die Leute meistens reden und höre nicht hin. Ich war nur so wütend, weil die Kollegin ganz neu war – und der Kunde echt daneben. Allerdings – manchmal sage ich doch etwas. Ich hatte einen Kunden, der grabbelte dauernd auf dem Laufband herum. Schmiss bereits gescannte Sachen wieder aufs Laufband, nahm ungescannte Ware runter, drehte alle Barcodes nach unten – so lange, bis ich ihn bat, das doch bitte zu lassen, damit ich vernünftig scannen konnte. Er meinte daraufhin: „Das ist der Unterschied zwischen uns. Sie können ihren Job einfach nicht und ich kann meinen“. Woraufhin ich meinte (und ich bin bis heute stolz darauf): „Nein, das ist nicht der Unterschied. Der Unterschied ist, dass ich höflich bin…“
Hatte ich erwähnt, dass Ware scannen eine wirklich tolle Beschäftigung ist? Nur die Kunden… okay, seien wir ehrlich, die meisten Kunden sind lieb und nett und freundlich (und manche sagen sogar „Guten Tag“. Einer hat mir heute einen Kaffee spendiert!) Aber dann ist da einer, ein einziger, der alle Höflichkeit, alle Mühe seiner Vorgänger zunichte macht…

Menschenlos

Wenn ich mit den Hunden Gassi gehe, durch den kleinen Trampelpfad zwischen zwei Häusern entlang in Richtung Wald und Schrebergärten, dann, während ich die Zivilisation hinter mir lasse (jedenfalls ein ganz kleines Bisschen davon) stelle ich mir vor, die Menschen würden wirklich von dieser Welt verschwinden. Einfach so, von einer Sekunde auf die andere. Anfangs – also zu Beginn dieser Vorstellung, nicht zu Beginn der Menschlosigkeit dieses unseres Planeten – wollte ich in irgendeine schöne Villa ziehen, aber davon bin ich irgendwie abgekommen. Die lassen sich so schwer heizen, die Villen. Jetzt überlege ich, dass eine der größeren Lauben in den Schrebergärten eigentlich eine gute Wahl wäre. Besonders, da ich mir Gemüsebeete anlegen würde, um etwas zu essen zu haben. An Tag 1 n.M. würde ich erstmal in irgendein Geschäft gehen, dessen automatische Schiebetür zufällig beim Verschwinden der Menschheit gerade offen stand (denn nachdem ich gehört habe, dass ohne die Menschheit Atomreaktoren in die Luft fliegen würden, sollen die doch einfach ihren Strom gleich mitnehmen) und mich für die nächsten drei Monate mit Haferflocken, Konserven und Klopapier eindecken. Denn ich fürchte, bereits an Tag 3 n.M. kann man Supermärkte nicht mehr betreten, ohne sich ob des Gestankes von verwesendem Fleisch und vergammelnden Kartoffen heftig übergeben zu müssen. Vermutlich ist ganz Hamburg unter einer Glocke von Gestank begraben. Das Meerschweinchen-in-Käfigen-Problem habe ich gelöst, indem auch die Meerschweinchen in Käfigen (ebenso wie die Wellensittiche und die Hunde in den Häusern) mitsamt der Menschheit verschwunden sind. Das wäre ja sonst fies. Aber ich wette, da riecht sonst auch noch so Einiges nicht besonders gut. Nicht durchgespülte Abwässerkanäle zum Beispiel. Ach, verdammt, die sind auch weg. Ganz einfach. Die Menschheit hat ihre Haustiere und ihr Fleisch und ihre Abwässer einfach mitgenommen und ich lebe in der ehemals berührten Natur in einem kleinen Häuschen inmitten einiger Schrebergartenparzellen, die ich zum Gemüse- und Hühnergarten umgebaut habe (Hühner mag ich). Meien Lieblingsbaumarkt betrete ich nur noch, wenn ich einen neuen Spaten, Karottensamen und Schrauben benötige, um mein kleines Häuschen wetterfester zu machen. Und vielleicht, um einen Ofen einzubauen. Wir haben tolle Öfen da. Kochen… naja, Rhabarberkuchen wird schwierig, aber Rhabarbergrütze bekomme ich auch über offenem Feuer hin.
Auf dem Rückweg von den Schrebergärten ist dann schon der kleine Trampelpfad zugewachsen, mit Brombeeren und Giersch und Kastanienablegern, und dann blaffen meine Hunde plötzlich ganz erschrocken ein Auto an, dass da die Straße entlang fährt und mit dem sie einfach nciht gerechnet haen. Ich habe so den Verdacht, dass die ähnliche Gedanken haben wie ich. Nur ein bisschen fundamentaler. Gemüsegarten? Sieh lieber zu, Frauchen, dass Du genügend Dosen Hundefutter für uns auftreibst…
Und dann laufen wir die Straße entlang und die Hunde wollen unbedingt zu unserer Lieblingsnachbarin rein, denn da werden sie gekrault und die sagt lustige Sachen zu ihnen und das finden sie toll. Na gut. Einige Menschen dürfen bleiben…

 

Was so los war

Also, eigentlich wollte ich einen begeisterten Bericht darüber schreiben, dass es den Kölner Dom tatsächlich gibt. Ich glaubte ja bisher nicht daran, weil ich schon einige Male an Köln vorbei gefahren bin und den nie gesehen habe. Angeblich ist das so, weil der Kölner Dom in einer Senke liegt, aber ich glaube, dann gibt es Bielefeld auch und es liegt nur in einer Senke, und wie jeder weiß ist das Blödsinn. Bielefeld in einer Senke. Also wirklich.
Jedenfalls hatte ich gestern das dringende Bedürfnis, den Wahrheitsgehalt von „Es gibt den Kölner Dom wirklich“ zu überprüfen, und das taten wir dann auch. Wir fuhren hin, wir fanden direkt einen Parkplatz in einem preiswerten Parkhaus (das von der Weltöffentlichkeit anscheinend noch nicht entdeckt wurde), wir standen staunend vor dem Kölner Dom (stimmt nicht. Ich stand staunend davor. Mein Begleiter stand einfach nur so davor), ich machte diverse Fotos, ich ärgerte mich, dass ich keine vernünftige Kamera mehr hatte… aber he, ist euch das schon mal aufgefallen? Früher rannten die ganzen Japaner mit riesigen Kameras herum. Jetzt haben sie alle Handys und sind nur noch als Japaner zu erkennen, weil sie eben nicht persisch sprechen, wie der Rest der vor dem Dom stehenden und mit Handys knipsenden Touristen – und dann wurden wir nass. Sehr nass. Der einzige Regenschauer des Tages ergoss sich ausgerechnet über dem Kölner Dom.
Ich ging dann auch in den Dom ( sonst hätte ich bis zum nächsten Dombesuch gejammert, dass es den Dom nur von außen, nicht aber von innen gibt. Mein Begleiter ist wirklich sehr geduldig mit mir), aber nach einem kurzen Blick auf die Fenster ging ich schnell wieder raus. Ehrlich, ich finde es pietätlos, die am Gottesdienst teilnehmenden Leute mit lauten Gequatsche zu nerven. Was die meisten Touristen taten. Ich finde, zu Gottesdienstzeiten könnte man den Dom ruhig mal schließen.
Kurz bevor wir gingen, dann noch das eigentliche Highlight des Tages. Statt des Kölner Doms fotografierte jemand meine Hunde. Irgendwo auf Facebook ist jetzt bestimmt ein Bild zu finden mit zwei wunderschönen Bulldoggen – vor irgendeiner alten, bedeutungslosen Kirche irgendwo am Rhein.
Auf dem Rückweg dann natürlich strahlender Sonnenschein und ein Regenbogen. Ich wollte – was sonst – den Topf mit Gold ausbuddeln, und mein Begleiter, der jetzt für immer der beste Begleiter der Welt sein wird, schlug vor: Warte, ich fahre näher ran. Das tat er dann auch. Hat leider trotzdem nicht geklappt, das mit dem Gold.

Wie gesagt, das wollte ich schreiben. Eigentlich. Ist aber aus meinem Fokus etwas rausgerutscht, weil… naja. Weil mein Hund eine Zecke hatte. Am Kopf. Ich dachte, ich erzähl’s euch.

Man muss Prioritäten setzen

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