König des Kapitalismus

Kennt ihr diese Geschichten, in denen man irgendwas Böses über seinen Job schreibt und der Chef durchforstet das Internet nach diesen Einträgen und feuert dann seine Angestellten? Ich glaube, sollte mein Chef zufällig auf dieser Seite landen, würde er mir auf die Schulter klopfen und uneingeschränkt Recht geben. Abgesehen davon, dass ich meinen Job an der Kasse eines Baumarktes mag. Wirklich. Ist ein ganz toller Job. Nur die Kunden, die stören irgendwie. Der neulich zum Beispiel: Kommt mit Frau und Kind an meine Kasse. Kind trägt einen Kescher, knallt ihn mir ins Auge. Die Mama ruft entsetzt: „Elias, pass doch auf!“ Darauf der Vater: „Ach, das geht schon…“ Ganz ehrlich mal, es ist nicht seine Entscheidung, ob das geht oder nicht. Das Kind hat mir weh getan, nicht ihm, und nein, es ist nicht in Ordnung, jemand anders wehzutun, auch wenn das nur eine doofe Kassiererin ist und er natürlich was viel Besseres ist. Seit diesem Tag kennt meine Kollegin übrigens das schöne Wort „Kackbratze“. Kannte sie vorher nicht. Sie liebt es.
Besonders beliebt bei Kunden ist es, Bonstorni zu fabrizieren. Natürlich kann man niemals vorher gucken, was irgendeine Ware kostet, aber das ist ja für Anfänger. Es geht noch viel besser.
Kundin: „Ich will eine Tüte“
Ich: „Sie können sich da eine Tüte wegnehmen. Die kosten zwanzig Cent.“
Die Kundin nimmt die Tüte, ich scanne sie ein: „Das macht dann zwanzig Cent“.
Kundin: „Nö“. Und geht. Bonstorno (über zwanzig Cent).
Oder der hier:
Kundin, nach dem Scannen: „Kann ich die Pflanze ins Beet setzen?“ (Ey, ich bin Kassiererin, keine Gärtnerin. Woher soll ich das wissen??? Okay, ich versuchs mal)
Ich: Das ist eine Zimmerpflanze. Die wird Ihnen im Winter eingehen, wenn Sie sie draußen lassen.“
Kundin: „Dann nehm ich sie nicht“
Bonstorno.
Auch schön: Der Kunde legt seine Ware aufs Laufband. Ich scanne sie ab, sage den Preis. Er: „Ich will das nicht kaufen. Ich will es zurückgeben!“ (ARRRRRRRRRRRRGHHHHHHHHH!)
Natürlich bin ich nicht die Einzige, die sich mit den merkwürdigen Ideen von Kunden herumschlagen muss. Auch unser Detektiv kann ein Lied davon singen. Da sagt der beim Klauen erwischte Typ zu ihm: „Ich bin hier Stammkunde. Ich lasse hier soviel Geld, da ist es doch wohl egal, ob ich das hier bezahle oder nicht.“ Ja. Klar.
Oh, wisst ihr, was auch noch lustig ist? Orte, aus denen Leute ihre Geldscheine ziehen. Hosentaschen sind sehr beliebt – nur wenn die Scheine dann feucht sind, dann ist das irgendwie… naja… man macht sich schon so seine Gedanken. Oder die Frau, die ihre Geldscheine aus dem BH zog. Bei 40 Grad Außentemperatur. Es gibt so Sachen, die will man nicht wirklich. Obwohl die Sprüche dazu zum Teil witzig sind: (Mann, in der Hosentasche wühlend): „Warten Sie, ich gucke, ob ich was Kleines da drin hab“ (Ohgott, nein, bloß nicht rausholen!!!). Überhaupt, die Sprüche. Ich meine, ich stehe da an der Kasse, die Schranke ist auf, das Licht leuchtet grün, ich habe einen Scanner in der Hand. Kunde kommt, guckt: „Haben Sie auch geöffnet???“ (Nein, ich warte auf den Bus). Oder auch nett: „Sind Sie frei?“ (wieso? Wollen Sie mich zum Essen einladen?) Und: „Kann man bei Ihnen auch bezahlen?“ (????)
Wobei das ja irgendwie noch witzig ist. Aber ganz ehrlich – die Kunden sind nicht immer witzig. Gar nicht. Sowas wie das mit dem Kescher ist mal einer Kollegin passiert. Der Mann knallte ihr ein Holzbrett an den Kopf und pöbelte dann: „Passen Sie doch besser auf, wenn Sie noch länger leben wollen.“ Einer der Momente, in denen ICH richtig laut geworden bin. Richtig laut. In solchen Fällen stellt sich der Chef auch immer auf unsere Seite. Ich selber lasse die Leute meistens reden und höre nicht hin. Ich war nur so wütend, weil die Kollegin ganz neu war – und der Kunde echt daneben. Allerdings – manchmal sage ich doch etwas. Ich hatte einen Kunden, der grabbelte dauernd auf dem Laufband herum. Schmiss bereits gescannte Sachen wieder aufs Laufband, nahm ungescannte Ware runter, drehte alle Barcodes nach unten – so lange, bis ich ihn bat, das doch bitte zu lassen, damit ich vernünftig scannen konnte. Er meinte daraufhin: „Das ist der Unterschied zwischen uns. Sie können ihren Job einfach nicht und ich kann meinen“. Woraufhin ich meinte (und ich bin bis heute stolz darauf): „Nein, das ist nicht der Unterschied. Der Unterschied ist, dass ich höflich bin…“
Hatte ich erwähnt, dass Ware scannen eine wirklich tolle Beschäftigung ist? Nur die Kunden… okay, seien wir ehrlich, die meisten Kunden sind lieb und nett und freundlich (und manche sagen sogar „Guten Tag“. Einer hat mir heute einen Kaffee spendiert!) Aber dann ist da einer, ein einziger, der alle Höflichkeit, alle Mühe seiner Vorgänger zunichte macht…

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Menschenlos

Wenn ich mit den Hunden Gassi gehe, durch den kleinen Trampelpfad zwischen zwei Häusern entlang in Richtung Wald und Schrebergärten, dann, während ich die Zivilisation hinter mir lasse (jedenfalls ein ganz kleines Bisschen davon) stelle ich mir vor, die Menschen würden wirklich von dieser Welt verschwinden. Einfach so, von einer Sekunde auf die andere. Anfangs – also zu Beginn dieser Vorstellung, nicht zu Beginn der Menschlosigkeit dieses unseres Planeten – wollte ich in irgendeine schöne Villa ziehen, aber davon bin ich irgendwie abgekommen. Die lassen sich so schwer heizen, die Villen. Jetzt überlege ich, dass eine der größeren Lauben in den Schrebergärten eigentlich eine gute Wahl wäre. Besonders, da ich mir Gemüsebeete anlegen würde, um etwas zu essen zu haben. An Tag 1 n.M. würde ich erstmal in irgendein Geschäft gehen, dessen automatische Schiebetür zufällig beim Verschwinden der Menschheit gerade offen stand (denn nachdem ich gehört habe, dass ohne die Menschheit Atomreaktoren in die Luft fliegen würden, sollen die doch einfach ihren Strom gleich mitnehmen) und mich für die nächsten drei Monate mit Haferflocken, Konserven und Klopapier eindecken. Denn ich fürchte, bereits an Tag 3 n.M. kann man Supermärkte nicht mehr betreten, ohne sich ob des Gestankes von verwesendem Fleisch und vergammelnden Kartoffen heftig übergeben zu müssen. Vermutlich ist ganz Hamburg unter einer Glocke von Gestank begraben. Das Meerschweinchen-in-Käfigen-Problem habe ich gelöst, indem auch die Meerschweinchen in Käfigen (ebenso wie die Wellensittiche und die Hunde in den Häusern) mitsamt der Menschheit verschwunden sind. Das wäre ja sonst fies. Aber ich wette, da riecht sonst auch noch so Einiges nicht besonders gut. Nicht durchgespülte Abwässerkanäle zum Beispiel. Ach, verdammt, die sind auch weg. Ganz einfach. Die Menschheit hat ihre Haustiere und ihr Fleisch und ihre Abwässer einfach mitgenommen und ich lebe in der ehemals berührten Natur in einem kleinen Häuschen inmitten einiger Schrebergartenparzellen, die ich zum Gemüse- und Hühnergarten umgebaut habe (Hühner mag ich). Meien Lieblingsbaumarkt betrete ich nur noch, wenn ich einen neuen Spaten, Karottensamen und Schrauben benötige, um mein kleines Häuschen wetterfester zu machen. Und vielleicht, um einen Ofen einzubauen. Wir haben tolle Öfen da. Kochen… naja, Rhabarberkuchen wird schwierig, aber Rhabarbergrütze bekomme ich auch über offenem Feuer hin.
Auf dem Rückweg von den Schrebergärten ist dann schon der kleine Trampelpfad zugewachsen, mit Brombeeren und Giersch und Kastanienablegern, und dann blaffen meine Hunde plötzlich ganz erschrocken ein Auto an, dass da die Straße entlang fährt und mit dem sie einfach nciht gerechnet haen. Ich habe so den Verdacht, dass die ähnliche Gedanken haben wie ich. Nur ein bisschen fundamentaler. Gemüsegarten? Sieh lieber zu, Frauchen, dass Du genügend Dosen Hundefutter für uns auftreibst…
Und dann laufen wir die Straße entlang und die Hunde wollen unbedingt zu unserer Lieblingsnachbarin rein, denn da werden sie gekrault und die sagt lustige Sachen zu ihnen und das finden sie toll. Na gut. Einige Menschen dürfen bleiben…

 

Was so los war

Also, eigentlich wollte ich einen begeisterten Bericht darüber schreiben, dass es den Kölner Dom tatsächlich gibt. Ich glaubte ja bisher nicht daran, weil ich schon einige Male an Köln vorbei gefahren bin und den nie gesehen habe. Angeblich ist das so, weil der Kölner Dom in einer Senke liegt, aber ich glaube, dann gibt es Bielefeld auch und es liegt nur in einer Senke, und wie jeder weiß ist das Blödsinn. Bielefeld in einer Senke. Also wirklich.
Jedenfalls hatte ich gestern das dringende Bedürfnis, den Wahrheitsgehalt von „Es gibt den Kölner Dom wirklich“ zu überprüfen, und das taten wir dann auch. Wir fuhren hin, wir fanden direkt einen Parkplatz in einem preiswerten Parkhaus (das von der Weltöffentlichkeit anscheinend noch nicht entdeckt wurde), wir standen staunend vor dem Kölner Dom (stimmt nicht. Ich stand staunend davor. Mein Begleiter stand einfach nur so davor), ich machte diverse Fotos, ich ärgerte mich, dass ich keine vernünftige Kamera mehr hatte… aber he, ist euch das schon mal aufgefallen? Früher rannten die ganzen Japaner mit riesigen Kameras herum. Jetzt haben sie alle Handys und sind nur noch als Japaner zu erkennen, weil sie eben nicht persisch sprechen, wie der Rest der vor dem Dom stehenden und mit Handys knipsenden Touristen – und dann wurden wir nass. Sehr nass. Der einzige Regenschauer des Tages ergoss sich ausgerechnet über dem Kölner Dom.
Ich ging dann auch in den Dom ( sonst hätte ich bis zum nächsten Dombesuch gejammert, dass es den Dom nur von außen, nicht aber von innen gibt. Mein Begleiter ist wirklich sehr geduldig mit mir), aber nach einem kurzen Blick auf die Fenster ging ich schnell wieder raus. Ehrlich, ich finde es pietätlos, die am Gottesdienst teilnehmenden Leute mit lauten Gequatsche zu nerven. Was die meisten Touristen taten. Ich finde, zu Gottesdienstzeiten könnte man den Dom ruhig mal schließen.
Kurz bevor wir gingen, dann noch das eigentliche Highlight des Tages. Statt des Kölner Doms fotografierte jemand meine Hunde. Irgendwo auf Facebook ist jetzt bestimmt ein Bild zu finden mit zwei wunderschönen Bulldoggen – vor irgendeiner alten, bedeutungslosen Kirche irgendwo am Rhein.
Auf dem Rückweg dann natürlich strahlender Sonnenschein und ein Regenbogen. Ich wollte – was sonst – den Topf mit Gold ausbuddeln, und mein Begleiter, der jetzt für immer der beste Begleiter der Welt sein wird, schlug vor: Warte, ich fahre näher ran. Das tat er dann auch. Hat leider trotzdem nicht geklappt, das mit dem Gold.

Wie gesagt, das wollte ich schreiben. Eigentlich. Ist aber aus meinem Fokus etwas rausgerutscht, weil… naja. Weil mein Hund eine Zecke hatte. Am Kopf. Ich dachte, ich erzähl’s euch.

Man muss Prioritäten setzen

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Blöde Krabbeldinger

Mich hat’s erwischt. Aber so richtig. Ich dachte ja, das sei mindestens ein paar Krankheitstage wert, aber mein Chef meint, nein, eine Zecke sei kein Grund für Krankheit. Aber he – die Viecher sind echt eklig. Ich hasse sie. Ich meine, ich mag auch Mücken nicht, aber die pieksen und hauen dann wieder ab, während Zecken einfach in einem drin stecken bleiben und sich aufblähen und… naja, es ist eklig. Ich sage es ja.
Natürlich kann ich an nichts anderes denken. Das ist wie mit einer neuen Zahnplombe; man fühlt dauernd mit der Zunge danach und es dauert, bis man sich dran gewöhnt hat. Da ich mit der Zunge nicht an meinen Rücke komme, erforsche ich meinen Körper nach typischen zeckeninduzierten Symptomen, als da wären: Müdigkeit (krieg ich hin) Wanderröte (nö), Grippe-ähnliche Symptome (meine Nase juckt) und übermäßigen Appetit auf Schokolade. Und werde natürlich fündig. Aber statt zuhause im Bett zu liegen und mich zu pflegen, stehe ich an der Kasse meines Lieblingsbaumarktes, und mein zeckenvernebeltes Gehirn glaubt schon, den Tod mit seiner Sense auf mich zukommen zu sehen, aber dann ist es doch nur wieder ein Kunde, und die Sense ist auch gar keine, sondern eine Schlagbohrmaschine von Bosch (im Angebot!).
Als dann in der Nacht der Engel des Todes in seiner nachtschwarzen Schönheit an meinem Bett steht, bin ich beinahe schon erleichtert, dass ich nicht nur ein Hypochonder bin, sondern dass sich jetzt den Beweis habe, dass Zecken wirklich gefährlich sind, aber dann bemerke ich, dass der Todesengel ein weißes Lätzchen hat (es war mir nicht bekannt, dass Todesengel so etwas besitzen) und dass er verzweifelt fiept, weil er mal Pipi machen muss.
Also schnappe ich mir den kleinen Hund und lasse ihn in den Garten und denke, gut, dieses Mal habe ich den Zeckenbiss anscheinend überlebt. Und noch eine Chance bekommen die nicht, die blöden Viecher. Ich besitze jetzt Zeckenschutzspray, Bernsteinketten und eine gehörige Portion hypochondrische Energie, um nach dem nächsten Spaziergang im Wald jeden Zentimeter meines Körpers nach kleinen, ekligen Krabbeltieren abzusuchen.
Übrigens haben meine Hunde gar kein Problem mit Zecken. Die kratzen sich, ich gucke nach, zupf die raus und das Thema ist durch.
Ich glaube, meine Hunde sind viel cooler als ich…

Osterspaziergang

Manchmal hatte ich schon ganz vergessen, wie es sich anfühlt, glücklich zu sein, nach all diesen dunklen und traurigen letzten Monaten.
Und dann machten wir heute einen Spaziergang mit den Hunden, im Wald, bei schönsten Wetter, und die Hunde hüpften um uns herum, die Große einfach nur zufrieden, weil sie mit Menschen zusammen war, die sie mochte, der Welpe dagegen voller Begeisterung über all das Neue – es ist ja immerhin ihr erster Frühling auf dieser Welt – und sie brachte alles an, was sie so finden konnte; meistens natürlich Stöckchen und Kiefernzapfen. Wirklich lustig, die Dinger. Der Weg war recht steil und irgendwer hatte genau nach der Hälfte des Weges eine Bank hingestellt – perfekt für die untrainierten Wadenmuskeln eines Großstädters wie mich (aber natürlich habe ich mich nur hingesetzt, um die Aussicht zu genießen!) Dann waren wir oben auf dem Berg, und da hörte dann der Wald plötzlich auf und stattdessen dehnte sich neben uns eine saftig grüne Wiese mit Obstbäumen aus. Und ein kleines Stück weiter dann stand da ein Haus, ganz alleine, oben auf dem Berg. Oh man, wenn Häuser lachen könnten – dieses hätte es getan. Es war nicht groß und vermutlich nicht mal besonders hübsch, mit seiner eigenwilligen Bauweise, aber in seinem Garten spielte eine Horde flachsköpfiger und rothaariger Kinder und hatte Spaß. Nur der Kleinste lag in seinem Kinderwagen, mit einem Tuch vor der Sonne geschützt und bewacht von seinem Vater. Als wir näher kamen, grüßte der Vater uns freundlich und stand auf, um ins Haus zu gehen, wobei er bei der kleinen Tür seinen Kopf einziehen musste. In meinem Kopf entstand in diesem Moment die ganze Geschichte des Hauses. Gebaut von einem jungen Bauernehepaar, das sich die flachen Grundstücke im Tal nicht leisten konnte und daher mit dem hügeligen Berg vorlieb nehmen musste. Aber sie waren verliebt und fleißig, und die viele Arbeit machte ihnen nicht allzuviel aus. Dann kamen die Kinder, und immer wenn es im Haus zu eng wurde, musste ein neues Zimmer angebaut werden. Schließlich wurden die Kinder groß, und keines von ihnen wollte das Haus übernehmen, und die Eltern verstarben und das Haus begann, zu verfallen. Aber zum Glück wurde das Haus von jemandem mit viel Phantasie entdeckt, und er begann es mit viel Liebe und Geschick zu restaurieren. Er spachtelte die Risse in dem marode gewordenen Mauerwerk zu, malte die Steine weiß und die alten Holzbalken dunkelbraun an und legte statt der Felder eine große, einfach zu pflegende Streuobstwiese an. Und seitdem verbringt die Familie ihre Ferien in diesem Haus. Oft steht es leer und wartet nur, aber dann fahren die Autos auf den Hof, die Erwachsenen schließen die Türen auf, öffnen die Fenster, um frische Luft hinein zu lassen und tragen das mitgebrachte Essen in die Küche, während die Kinder den Garten erobern und die Erinnerungen erschaffen, die sie überzeugen werden, dass sie eine wunderschöne Kindheit hatten. Ich bin übrigens sicher, es sind Cousins und Cousinen. Wegen der Haarfarben. Bitte versucht nicht, mich von Gegenteil zu überzeugen, und außerdem, Cousins und Cousinen eignen sich doch am allerbesten, um im Sommer zusammen durch den Garten zu toben.
Wir gingen dann weiter (mit Bedauern. Ich wäre gerne für den Rest meines Lebens in dem Haus geblieben!) und trafen ein paar sehr glückliche und zufriedene Kühe (mit dem Dreck eines langen, dunklen Winters im Stall noch im Fell. Aber das wird schon). Auch hier gab es eine Bank, vermutlich der Aussicht über das Tal wegen. Oder nur, weil Kühe so toll sind.
In diesem Moment bat ich meine Begleitung, mich ganz fest in den Arm zu nehmen, weil ich den Moment festhalten wollte. Leichte Verwirrung. War ja klar. Naja, andere Leute sammeln Briefmarken oder Eulen. Ich dagegen sammle schöne Momente. Immer schon. Wenn alles gut ist, wenn alle Menschen, die ich liebe, bei mir sind… wenn die Sonne scheint und der Tag einfach so perfekt ist, und wenn rothaarige Kinder im Garten eines lachenden Hauses spielen und der Welpe mir voller Stolz Tannenzapfen bringt, die fast so groß sind, wie er selber, und die ganze Welt so voller Leben ist… dann versuche ich die Zeit anzuhalten und mir den Moment, so gut es geht, im Gedächtnis einzuprägen. Damit ich dieses wunderbare Gefühl nie vergesse. Denn es werden ja auch wieder andere Zeiten kommen. Und dann weiß ich, dass das Leben schön sein kann.
Meine Oma hatte in ihrem Esszimmer einen Spruch in einem Bilderrahmen stehen. Er lautete:

Auch das ist Kunst,
ist Gottesgabe,
in ein paar sonnenhellen Tagen
sich soviel Licht ins Herz zu tragen,
dass, wenn der Sommer längst vergeht,
das Leuchten immer noch besteht.

Oma hätte sofort gewusst, was ich meine.
Und das mit der Umarmung hat dann auch noch geklappt.
Ich hatte nie daran gezweifelt.

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Nächtliche Wissenslücke

Heute Nacht wachte ich mal von etwas anderem auf als von einem Welpen, der neben meinem Bett sitzt und mich vorwurfsvoll anstarrt – sie wünscht dann, im Garten pinkeln zu gehen. Um ein Uhr. Und um zwei Uhr. Und um drei Uhr. Und so weiter. Heute Nacht aber nicht, da wachte ich um vier Uhr auf und der Welpe schief friedlich und durchaus nicht undicht im Körbchen, während mir der Gedanke durch den Kopf schoß: „Wie um Himmels Willen hieß dieses Buch noch???“
Kennt ihr das? Man denkt jahrelang nicht an ein Buch, einen Film oder einen Zeitungsartikel, und plötzlich, vielleicht durch die ungestörte Nachtruhe, muss man un-be-dingt Näheres über genau dieses Buch / diesen Film / diesen Zeitungsartikel wissen.
Auch Freund Google brachte mich nicht weiter. Es war ein Jugendbuch und handelte vom Untergang von Atlantis. Die Hauptpersonen waren Zwillingsschwestern namens Atlanta und Aurora, von denen eine – Atlanta – Priesterin wurde, während ihre Schwester… wollt ihr das genauer wissen? Nein, oder? Ich erinnere mich an alles von dem Buch, sogar daran, was die Atlanter so zum Frühstück aßen. Nur der Titel, der ist weg. Und ich bin sicher, ich muss das Buch dringend mal wieder lesen, nur besitze ich auch das Buch seit ungefähr dreißig Jahren nicht mehr. Keine Ahnung, wo es ist.
Also, kennt jemand dieses Buch? Kann mir irgendwer einen Tipp geben? Dann kann ich versuchen, es aufzutreiben und zu lesen, statt nachts wach zu liegen und mir das Gehirn zu zermartern.
Oder ich gehe mit dem Welpen in den Garten.
Ist auch ganz nett.

Wahrlich – ein Wunder!

Es muss Frühling sein. Beim Gassigang mit den Knautschgesichtern finde ich wieder jede Menge Schildkrötenfutter. Alles ist voller Löwenzahn, Brennnesseln, Gänseblümchen, Vogelmiere und Giersch, und auch die ersten Erdbeerblätter und der Wegerich lassen sich bereits blicken. Das Hundebaby muss jede einzelne Blüte und jede über die Straße laufende Kellerassel genau beschnüffeln, denn als im November geborenes Hündchen ist alles neu und spannend. Die Mama kennt das schon und nutzt die Zeit, welche das  Töchterchen mit dem Fressen einer Butterblume verbringt, um einen schönen Haufen ins Gebüsch zu donnern. Sehr romantisch. Sehr frühlingshaft.
Was heute passiert ist, ließ mich allerdings verblüfft den Kopf schütteln. Jeder, der jemals mit einem Hund spazieren gegangen ist, weiß, was nach der Häufchengeschichte passiert: Der Hund muss scharren. Keiner weiß, was der Sinn davon sein soll, denn meistens scharrt der Hund die drei Sandkrümel, die bei dieser Aktion durch die Gegend fliegen, noch nicht einmal in die ungefähre Richtung des zu verscharrenden Häufchens. Heute allerdings (vielleicht, weil sie soviel Zeit hatte) verscharrte mein Hund das ganze Häufchen unter einem so großen Blätterhaufen, dass es nicht mehr zu sehen war. Woraufhin ich das bereits gezückte Kack-Tütchen wieder in meiner Jackentasche versenkte.
Passend zu diesem Frühlingswunder hier ein Bild, das mir meine Freundin geschickt hat. Ihr kleiner Sohn hat geholfen, den Garten österlich zu schmücken.
Wir finden es toll.
Ostern