Weihnachtlich

Ich habe gerade die dritte Fuhre Schokoladenlebkuchen im Ofen. Innerhalb von zwei Wochen. Für zwei Personen. Ich will mich nicht selber loben, aber… was rede ich? NATÜRLICH will ich mich selber loben. Die Teile sind verdammt lecker und ich glaube, das sieht auch der Beste aller Männer so. Immerhin hat er den Lautsprecher unserer Waage auf „Flüsterleise“ gestellt, damit nicht mehr alle im Haus mitbekommen, WIE gut die Lebkuchen sind. Bei mir nützt auch das „Flüsterleise“ nichts. Ich wiege mich nur noch, wenn er in einem anderen Bundesland ist, und zwar, indem ich mich mit dem Chihuahua zusammen wiege und dann durch zwei teile.
Wenn ich Weihnachtskekse backe, denke ich an Oma. Immer. Nicht, dass wir großartig mit ihr gebacken hätten – sie zog es vor, aus der Küche zu verschwinden, wenn ich meine Experimente dort begann. Eine Haltung, die ich zutiefst bewundere und versucht habe, bei dem einzigen meiner Kinder, das Interesse am Backen zeigte, zu übernehmen. (Das resultierte dann darin, dass ich auf der Arbeit Anrufe bekam wie: „Mama, meine Kekse sehen aus wie Rührei“ – „Hast Du das Mehl vergessen?“ – „Oh…“). Aber wenn es im Advent anfing zu dunkeln, dann zündete Oma die Kerzen an, die am Kranz und die unter den Pyramiden, und die Heiligen drei Könige tobten so um die Krippe herum, dass Josef schwindelig wurde und Maria darüber nachzudenken begann, wieso eigentlich jeder dritte König auf der Welt dunkelhäutig war. Auf er zweiten Pyramide raste eine Schar Kurrendesänger um die Wette, die garantiert so außer Atem war, dass keiner mehr singen konnte. Es gab noch eine dritte Pyramide; sie war aus Metall, mit kleinen Engelchen, die am Bauch Metallstangen hatten und die gegen kleine Glöckchen stießen. Bei denen machte Oma die Kerzen nicht an – es reichte, dass sie neben der Heizung standen. Mit Kerzen flogen sie so durch die Gegend, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte. Und das wollten wir, denn Oma begann von früher zu erzählen, und dann gab es Kekse aus dem blauen Nachttopf.
Der Nachttopf war aus Emaille und schon bemalt und niemand hatte ihn jemals für seinen eigentlichen Zweck benutzt. Es waren immer nur Kekse darin. Ich glaube, ich hätte gerne einen eigenen Emaille-Nachttopf für meine Schokolebkuchen…

Metamorphose

Der Beste aller Männer: Ich habe einen neuen, unglaublich tollen Kartentrick gelernt!

Ich: Zeig ihn mir später. Wenn ich ihn mir jetzt angucke, brennt mir die Mehlschwitze an.

BaM: …

Ich: …

BaM: …

Ich: Wow. Kann es sein, dass ich mich gerade in meine Oma verwandelt habe???

Wie peinlich

Ich fürchte, jetzt muss ich doch hier weg ziehen. Obwohl es mir hier wirklich gut gefällt, aber ich weiß nicht, ob ich mich auf der Straße nochmal blicken lassen kann. Oder in diesem Haus. Oder überhaupt. Es ist nämlich so:

Seit geraumer Zeit bemühen wir uns, den Hunden wenigstens ein Mindestmaß an Manieren beizubringen. Dem Chihuahua beispielsweise ist es streng verboten, fremde Rottweiler zu fressen, und der Bulldogge, die vom Chihuahua übrig gebliebenen Rottweiler-Reste im Garten zu verbuddeln. Auch was die Nachbarn angeht, gelten strenge Regeln. Man darf einmal „Wuff“ sagen, aber dann verschwindet man ins Körbchen und hält die Klappe. Das hat der Beste aller Männer den Hunden beigebracht, und sie sind echt gut darin. Aber was, wenn man sich im Treppenhaus befindet, wenn jemand ins Haus kommt? Die Vermieterin beispielsweise und die nette Frau, welche die Wohnung unten mieten möchte? Die Hunde jedenfalls haben sich echt schrecklich benommen, und ich hatte gerade kein Körbchen mit, um sie hinein zu schicken. Also schnell entschuldigt und raus mit uns. Pipirunde gedreht, Bällchen geworfen, was man so macht. Und dann wieder nach Hause, wo uns ein fremder Hund entgegen kam. Normalerweise auch kein Problem – Wenn man den Chihuahua mit Leckerlis ablenkt, hat auch die Bulldogge keine Lust zu motzen. Nur, genau im entscheidenden Moment setzt sich die Bulldogge plötzlich hin und kann keinen Schritt mehr gehen – Kniescheibe rausgesprungen! Das hat sie noch nie gehabt, und sie ist ENTSETZT! Ich muss mich kümmern, und während ich mich kümmere, benimmt sich der Chihuahua wie eine von diesen Kampfratten, und weil der Chihuahua sich blöd benimmt, springt auch die Bulldogge auf, humpelt auf den fremden Hund zu und tut ihre Meinung kund. Und GENAU in dem Moment kommt die potentielle neue Mieterin mit der Vermieterin nach draußen und bekommt mit, wie sich meine Hunde benehmen. Das allein wäre schon peinlich. Aber…

…dann steigt sie in ihr Auto und fährt weg, und auf ihrem Auto steht, welchen Beruf sie hat.

Sie ist Hundetrainerin.

Kausalzusammenhänge

Kennt ihr „Kalten Hund“? Diesen Kuchen mit Keksen und Schokomasse? Ich habe den früher oft gemacht, aber irgendwann gab es diese Platten mit Kokosfett nur noch in ausgewählten Supermärkten am anderen Ende der Stadt, und außer mir mochte den keiner (und hat schonmal jemand versucht, einen ganzen „Kalten Hund“ zu essen? Keine gute Idee. Wirklich gar nicht!).
Jedenfalls behauptete der Vater des Besten aller Männer vor einiger Zeit, „Kalter Hund“ sei sein Lieblingskuchen, und ich dachte, ich könnte ihm ja einen zum Geburtstag machen. Blöd nur, dass ich das Originalrezept nicht mehr hatte, aber was soll’s, das Internet ist ja voll davon. Ich suchte also ein Rezept raus, das dem in meiner Erinnerung am nächsten kam, und machte einen Probelauf, damit zum Geburtstag dann auch alles klappen sollte. Und was soll ich sagen: Es klappte nicht. Das Kokosfett und die Schokolade weigerten sich, sich zu einer einheitlichen matschigen Masse zu verbinden. Genau das Problem hatte die Oma früher auch immer. Ich hab es nie verstanden – die Frau, die die weltbeste Buttercremetorte im Schlaf zaubern konnte, scheiterte bei so etwas Einfachem wie einem kalten Hund.
Jetzt, da ich so darüber nachdenke, habe ich eine Idee, woran das liegen könnte. Ich habe, seit meine Enkel auf der Welt sind, keinen „Kalten Hund“ gemacht. Anscheinend können Omas das nämlich nicht. Ein wenig trauere ich dieser Fähigkeit hinterher aber… Moment mal. Mooooooment…

…ich gehe dann mal in die Küche, um die weltbeste Buttercremetorte herzustellen.

Sollte jetzt klappen.

Es singet der Nachbar…

…ein gar fröhlich‘ Liedchen.

Hm. Nein. Ich wünschte, es wäre so, aber was der da für Töne von sich gibt, ließ den Besten aller Männer schon vor einigen Tagen vermuten, dass der Haussegen bei denen schief hängt. Bis er dann feststellte, dass es wohl der UNTERE Nachbar ist, und bei dem KANN der Haussegen nicht schiefhängen, der wohnt da alleine. Er singt auch nicht etwa nur ein Lied, nein, er ist jetzt schon in der dritten Stunde dabei, vor sich hinzugrölen. Ohne Pause. Vielleicht ist es aber auch ein seeehr langes Lied. Aus seiner Heimat. Er ist Jamaikaner, vielleicht singen die da so. Obwohl Bob Marley NIE so gesungen hat, aber vielleicht hat der seine Musik ja auch nur aus kommerziellen Gründen dem westlichen Geschmack angepasst. Der da unten jedenfalls, der trifft eigentlich keinen Ton. Natürlich weiß ich nicht, welche Töne er zu treffen beabsichtigte, das muss ich zugeben. Es scheinen mir jedenfalls keine zu sein, die besonders gut zueinander passen. Auch der Text ist eher grenzwertig. Ich war eben mit den Hunden draußen, und aus seiner Wohnung schallte es: „Oooouuuuu…. yeaaaah, yeaaaah, ahjajajajajajaaaa, ouaaaaaaaaaa…“ – Moment mal, haben wir eigentlich Vollmond?
Nein, nachgeguckt, haben wir nicht. Vermutlich verwandelt er sich nicht gerade in irgendwas laut Heulendes, Haariges. Unerklärlich, das Ganze. Vielleicht singt er ja aber auch nicht aus Freude, sondern weil ihm sein Marihi… Maruhi… Muriha… na, dieses Zeug, was der immer raucht, ausgegangen ist, und er sich in Trance singen muss, um den Tag zu überstehen.
Ob er WEISS, dass wir ihn hören können?
Die armen Nachbarn in der Mitte zwischen uns.

Als ich ein Teenager war, wohnte zwei Stockwerke über unserer Familie ein angehender Organist, der gerne und ausgiebig übte. Manchmal vergaß er die Zeit und übte so besessen, dass es meinem Bruder nicht gelang, einzuschlafen. Mein Bruder pflegte dann zu seiner Blockflöte zu greifen und so laut (und falsch) er konnte die Stücke mitzuspielen. Das half immer sofort. Eine Blockflöte habe ich leider nicht hier, aber vielleicht sollte ich einfach mal singen: „Mamaaaaaaaa… just killed a maaaaaaaan…“

Unser Organist war übrigens ein ganz netter und nie im Geringsten sauer über die Blockflöteneinlagen meines Bruders. Höchstens wohl verwirrt, dass man ihm in der Grundschule so wenig beigebracht hatte.

Und der Nachbar zieht im Januar aus. Ich hoffe, so lange halten wir durch.

A-huuuuuuuuuuuUUUUUUUUUUUUU!

Mein Leben so

Ich: lege den Termin in Hamburg auf 15 Uhr, damit wir nicht so früh aufstehen müssen.

Der Beste aller Männer: „Die Autobahnen A1 bis A7 sind gesperrt, sämtliche Brücken in NRW sind marode und müssen umfahren werden und das Auto hat zehn PS zu wenig. Wir müssen spätestens um 7:30 Uhr los.“

Ich: „Also um 7 Uhr aufstehen?“

Der Beste aller Männer: „Besser um 6:30 Uhr“

Der Hund um 5:30 Uhr: „Ich muss Pipiiiiiii!!!!!“

😖

Cool. Aber echt.

Mein Kind ist cool. Also, so richtig cool. Diese Sorte cool, die nicht danach geht, ob die Hose gerade modern ist, sondern ob die Hose passt, ob er sich darin wohlfühlt und ob möglichst kein anderer die gleiche Hose hat (im Leben nicht!). Dieses coole Kind will auf den Hamburger Dom gehen. Dom kennt ihr? Riesiges Volksfest in Hamburg mit Fahrgeschäften, in denen einem schlecht wird, viel zu teuren Fischbrötchen (und allem anderen, was man essen und trinken kann) und Losbuden, in denen man riesige Teddys, Fahrräder oder kleine, billige Armbänder aus Plastik gewinnen kann? Ich war ewig nicht mehr da.
„Bring mir ein peinliches Lebkuchenherz mit“, sagte ich aus Spaß zu meinem Kind und dachte im selben Moment, oh Mist – er ist DAS Kind, das mit seinen ultracoolen Hosen und seinen ultracoolen Freunden herumläuft, den ultracoolen Undercut wahnsinnig cool zur Seite gekämmt und dazu ein Herz um den Hals trägt, auf dem in rosa Schrift „Meine Mami ist die Beste“ steht. DER BRINGT DAS EHRLICH!!! Seit einer halben Stunde versuche ich ihn davon zu überzeugen, dass ich doch kein Herz will. Lieber… ich weiß nicht. Gebrannte Mandeln oder so. Oder ein billiges Armband aus Plastik.

Übrigens sind auch meine kleinen Enkel cool. Meine ehemalige Nachbarin und ihre Familie haben wie immer zu Halloween eine riesige Party geschmissen. In diesem Jahr hatten sie ein Horror-Krankenhaus im Vorgarten eröffnet, mit blinkender „Hospital“-Überschrift, einer blutbeschmierten Krankenschwester, einem metzelnden Chirurgen, ein paar eigenartigen Leichen (bleibt nicht aus, wenn man seinen Job so ernst nimmt) und einem freundlich grinsenden Skelett, das, echt gruselig aussehend, auf dem Schaukelstuhl saß. Das Haus ist wie jedes Jahr die Attraktion der ganzen Nachbarschaft. Nach Ansicht der Fotos sagte meine Mutter schaudernd, sie würde da nicht freiwillig hingehen, nicht mal, wenn es da Süßigkeiten gibt. Meine zweijährigen Enkel hatten da weniger Bedenken. Sie sind sind fünf- oder sechsmal zu den Nachbarn gegangen, haben jedes Mal lieb „Happy Halloween“ gewünscht und haben vermutlich jede Menge Süßigkeiten kassiert. Auf einem Bild wird meinem Enkel von der blutigen Krankenschwester gerade das Herz abgehorcht. Sieht aus, als hätten die beiden viel Spaß gehabt.
Hier bei mir hat kein einziges Kind geklingelt. Und das, obwohl ich einen freundlich grinsenden Leuchtkürbis ins Badezimmerfenster gehängt hatte. Jetzt hab ich jede Menge leckere Halloween-Süßigkeiten zum Selber-Essen, aber schade ist es ja doch. Ich mag Halloween. Das ist so einer der Momente, in denen meine neue Heimat feiertechnisch einfach nicht mit Hamburg mithalten kann.

Mein Kind schreibt mir gerade, gebrannte Mandeln könne er mir auch aus Köln mitbringen. Ich habe den Verdacht, dass ich den nächsten ultracoolen Trend versehentlich angestoßen habe. Es ist fraglich, ob man demnächst noch ohne „Ich liebe meine Mami“ Lebkuchenherzen ernstgenommen wird.

Zweisprachig

Eben telefoniere ich mit meinem Jüngsten. Nach den üblichen Präliminarien („Wie geht es dir, bist Du gesund, wohin willst du auswandern“) erzählte er, dass er seinen Vater am Wochenende getroffen hat. Bei einer Iran-Demo. Das Kind sagt, alle seien durch Berlin marschiert und haben auf Farsi irgendwas gerufen, aber sein eigenes Farsi sei jämmerlich. Das stimmt. Eigentlich kann mein Sohn nur bis drei zählen und kennt einige persische Gerichte, die es bei uns öfter mal zu essen gab.
Mir geht das Bild nicht aus dem Kopf, wie mein Sohn inmitten einer Menschenmenge marschiert, die unisono „Freiheit für den Iran“ skandiert, während er begeistert „Eins, zwei, drei, Rührei mit Kräutern“ ruft.
Aber immerhin, der gute Wille zählt…

Huch…

Ich kann nicht schlafen. Also nicht, dass ich nicht müde wäre, aber der Beste aller Männer hat sich entschieden, heute mal in der Mitte des Bettes zu schlafen. Von dem Viertel, die mir bleibt, ist eine Hälfte von einem Hund besetzt. Ich kann nicht in einem Achtel Bett schlafen, nein, wirklich nicht.

Der Beste aller Männer hört plötzlich auf, Birke zu zersägen und sagt: „Wir sind schwarz mit der Straßenbahn gefahren“. Das überrascht mich. Ich bin das letzte Mal mit vier Jahren in einer Straßenbahn gefahren. Ich erinnere mich besonders gut daran, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben Haarspray benutzen durfte. Und ich bin absolut sicher, dass meine Mutter eine Fahrkarte gekauft hatte.

„Das hast du aber sehr ruhig und besonnen aufgenommen“, sagt der Beste aller Männer und ich kann nicht umhin, zu bewundern, zu welcher Eloquenz er im REM- Schlaf fähig ist. Er rollt sich zufrieden noch weiter zu mir herüber und fängt wieder an zu sägen. Fichte vermutlich. Käferholz. Das ist super. Jetzt kann ich nämlich auf seine Seite des Bettes krabbeln und habe endlich genug Platz zum Schlafen. Nur kann ich jetzt nicht schlafen, weil ich mir Sorgen mache, wieso er mitten in der Nacht schwarz mit der Straßenbahn fährt…