Alles zu gut

„Du hast seit dem letzten Blogeintrag gar nichts mehr geschrieben“, sagt der beste aller Männer, und ich bewundere seine Fähigkeit, Selbstverständliches in wohlklingende Worte zu fassen. Natürlich habe ich seit dem letzten Blogeitrag nichts geschrieben, sonst wäre der letzte Blogeintrag ja der vorletzte. Und nach dem letzten hätte ich dann immer noch nichts geschrieben.
Aber er hat schon recht, ich schreibe nicht viel. Nicht, dass ich nicht wollte, aber irgendwie bin ich rundherum zufrieden, und was soll man da schon schreiben? „Alles toll“? Was für ein Blogeintrag soll denn das sein? Nein, Zufriedenheit eignet sich nicht für ergiebige Blogthemen.
Natürlich könnte ich anstandshalber ein wenig über das Wetter meckern. Wir haben Mai, und draußen ist Aprilwetter. Aber gerade, wo ich das schreibe, kommt die Sonne hervor und alles sieht so schön und grün und frisch aus, und ich denke, ist doch egal. Ich habe ein Dach überm Kopf und das ist sogar dicht, also pfeif auf’s Wetter.
Mein Sohn hat mir Pflanzensamen geschickt, und ich weiß nicht, wie er das gemacht hat, aber er hat genau die Samen erwischt, die ich mir nicht gekauft habe, weil ich dachte, zuviel Geld muss man ja nun auch nicht ausgeben. Jetzt habe ich bunten Mais, kleine Kürbisse (und ich hab mich schon geärgert, weil ich die Kerne vom letzten Jahr nicht finden kann!), niedliche, balkongeeignete Gurken und – worum ich das Kind gebeten hatte, Yin-und Yang-Bohnen. Er hatte welche und ich fand die so großartig, dass ich fragte, ob er mir wohl drei abgeben könne. Stattdessen hat er einfach neue bestellt. Wie soll man da nicht alles toll finden?
Neulich war eine Bekannte von mir hier mit ihrem kleinen Hund. Ihr Hund sieht aus wie eine Miniaturausgabe von meinem, aber ihrer hat offenbar die typischen, rassebedingten Krankheiten, was sie finanziell in den Ruin treiben wird. Meiner hat nichts davon. Die Kleine hüpft, springt, pupt (nun ja, darauf könnte ich verzichten) und hat meistens gute Laune. Nur nicht, wenn sie die beiden Kampfzwerge vom Nachbarn unten sieht, aber seien wir ehrlich, wer mag die schon leiden. Außer dem Nachbarn von unten natürlich. Und selbst dem sind die peinlich, wenn er mit ihnen spazieren gehen muss und sie dazu in von seiner Frau gestrickte Mäntelchen stopft. Gut, zum Alles-toll-finden ist das nicht unbedingt geeignet, denn ich leide mit dem kleinen Hund meiner Bekannten. Aber ich bin dankbar, dass es meinem Hund so gut geht. Das könnte auch anders sein.
Apropos Pflanzen: Es hat endlich geklappt. Ein Avocadokern hat sich entschieden, zu keimen, und ich bin stolzer Eigner eines wunderschönen, ca. 20 Zentimeter großen Avocadobäumchens. Ebenso wohnt bei mir ein selbst gezüchtetes Litschi-Bäumchen (10 Zentimeter). Weder die Chilis noch die Tomaten wollen so richtig, und dabei hatte ich nie mit denen Probleme. Ich hoffe, das wird noch. Von meinen selbstgezüchteten Zitrusbäumchen sieht einer phantastisch aus und einer ein bisschen gelblich, aber der bekommt jetzt jede Menge neue Triebe.

Wer bis hierher durchgehalten hat: Glückwunsch. Ich sag ja, nur so gute Nachrichten sind langweilig. Ich suche verzweifelt nach einer schlechten Nachricht, so zum krönenden Abschluss, aber mir fällt nichts ein. Außer vielleicht eins meiner Lieblingsgedichte von Wilhelm Busch, weil das so schön passt:

Unser Nachbar ist verdrießlich
und er mag sich wohl beklagen,
weil ihm eine Pläne schließlich
alle gänzlich fehlgeschlagen.

Uns’re Ziege starb heut morgen
geh und sag’s ihm, lieber Knabe,
dass er nach den vielen Sorgen
auch mal eine Freude habe!

So ist es…

Muckefuck

„Mamaaaaaaa“, schreibt mir mein Sohn über WhatsApp. Es ist lustig, aber seit wir so viele hunderte von Kilometern voneinander entfernt wohnen, reden wir mehr miteinander als in all den Jahren davor. Manchmal verquatschen wir beinahe den ganzen Tag miteinander. Deshalb habe ich auch gelernt, mir keine Sorgen mehr zu machen, wenn er mit „Mamaaaaaaa“ anfängt. Meistens will er nur wissen, welcher Tomatendünger am besten ist oder wie alt Wellensittiche werden. Oder Taranteln.
„Mamaaaaaaa“, schreibt mein Sohn, „wie kann man nur Dinkel trinken?“ Er schickt mir ein Bild von einem äußerst stylischen Pappbecher, ganz wie die von Starbucks, auf dem steht „Dinkel-Kaffee“. „Da kann man doch gleich Kaffee trinken“, sagt mein Sohn.
Ich denke an meine Oma, und an damals, als sie mir von „nach dem Krieg“ erzählte und räuspere mich (was man auf WhatsApp nicht sieht). Und dann erzähle ich meinem Sohn von Kaffee-Ersatz, von gerösteten Eicheln und geröstetem Getreide, vom Schwarzmarkt und von Caro-Kaffee und davon, wie die Hebamme der Omi das Pfund Kaffee geklaut hat, welches ihr als frischgebackener Mutter eigentlich zugestanden hätte.
„Komisch“, sagt mein Sohn, „dass so ein Zeug jetzt wieder modern ist.“

„Mamaaaaaaa“, schreibt mein Sohn zwei Tage später. „Das Dinkelzeugs schmeckt GENAU wie Kaffee!“
„Wie schön“ sage ich und denke wieder an die Oma. Zehn Jahre ist sie nun schon nicht mehr bei uns. Es kommt mir vor wie gestern, dass sie gestorben ist. Ich vermisse sie immer noch schmerzlich. Aber inzwischen ist das Lächeln doch stärker als die Trauer.

Komm mir nicht mit Wissenschaft!

Obwohl ich durchaus der Meinung bin, dass der beste aller Männer der beste Mann von allen ist, bin ich doch nicht blind seinen Fehlern gegenüber. Und damit meine ich nicht seine Leidenschaft für Fußball oder die Tatsache, dass er mit dem besten Hund von allen gerne Sockenziehen spielt – solange bis die Socken kaputt sind. Woraufhin er die kaputten Socken nicht etwa entsorgt, sondern irgendwo liegen lässt und versucht, sich neue anzuziehen. Was der Hund nicht will, woraufhin die beiden das nächste Paar Socken zerstören. Nein, also, das ist es nicht.
Aber eben, da sagt der Kerl doch zu mir: „Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Nachtfröste nichts mit den Eisheiligen zu tun haben.“
Ey, sachma, geht’s noch? Wonach soll man sich dann richten, etwa nach der Wettervorhersage? Nicht dein Ernst, oder? Das ist ja, als würde man Linsensuppe ohne Lorbeerblatt kochen. Ich meine, niemand hat jemals das Lorbeerblatt herausgeschmeckt. Ich habe noch nie erlebt, dass irgendwer sagte: „Die Suppe ist ungenießbar, es fehlt das Lorbeerblatt!“. Und trotzdem kommt es in die Suppe, wo man es vergisst und irgendwer es dann aus den Zähnen zieht und sorgfältig am Tellerrand platziert. Ich bin sogar ziemlich sicher, dass im alten Originalrezept für Linsensuppe von 1824 steht: „…und dann vergesse man das Lorbeerblatt in der Suppe und serviere sie mit Petersilie…“. Ich meine, wie sonst sollte man den Essenden kundtun, dass man das 1×1 der guten Küche gemeistert hat, wenn nicht durch die offensichtliche, nicht zu übersehende Beigabe eines… Moment, wo war ich? Ich so, ja, also, die Eisheiligen.
Selbstverständlich kommen meine Gurken nicht vor der kalten Sophie nach draußen. Die ist dieses Jahr am 15. Mai. Ich glaube nämlich an Bauernregeln; die haben schließlich gegenüber der computergesteuerten Wettervorhersage die älteren Rechte. Und immerhin haben die Bauern damit auch überlebt. Einige jedenfalls. Und wenn es dann doch mal kälter werden sollte, dann findet sich bestimmt auch eine Bauernregel, die diese Ausnahme erklärt. Bauernregeln sind nämlich klasse. Ich hab gerade diese hier gefunden:

Steht das Schwein auf einem Bein
ist der Schweinestall zu klein.

Bei solchen Weisheiten soll mir noch einer mit Wissenschaft kommen…

Schlecht behütet

In unserem beschaulichen Dörflein scheint die Sonne.
Das ist schön.
Irgendwie jedenfalls.
Einerseits.
Andererseits besitze ich keinen Hut, keine Schirmmütze, und kein spitzenverziertes Sonnenschirmchen; nichts, was meine empfindliche Gesichtshaut vor Sonnenbrand schützen würde. Natürlich gibt es da noch die Geschäfte unten im Ort, und tatsächlich sehe ich da lustige Caps im Schaufenster. Nur – ich komme nicht rein in die Geschäfte. „Nur mit tagesaktuellem Coronatest“ steht da nämlich, und so etwas habe ich gar nicht.
Wie schön, dass es da noch diesen großen Versandhändler gibt. Mein Sohn hat gerade begonnen, bei denen in der Kundenbetreuung zu arbeiten, und Leute, die meinem Sohn einen Job geben, die mag ich. Ich bestelle mir also einen preiswerten Strohhut mit „garatiertem Liefertermin morgen“. Der andere, der erst nächste Woche kommt, ist schöner, aber ich bin es meiner armen Nase schuldig, den Sonnenschutz schnell zu organisieren.

Heute ist morgen. Also, heute ist der Tag, an dem mein neuer Strohhut kommen sollte. Wie man dank meines Gebrauchs des Wortes „sollte“ schon vermuten kann, ist der Strohhut nicht da.
„Dein Arbeitgeber ist soooo doof“, schreibe ich meinem Sohn. „Die haben das versprochen. Versprochen! Meine Nase… ich sehe aus wie Obelix in der Schweiz, und ich habe das ganze Wochenende keinen Strohhut, und dann hätte ich auch den anderen Hut bestellen können, der war viel schöner und…“
„Schreib mal dem Kundenservice“, sagt mein Kind.
„Das hilft meiner Nase auch nicht“, nörgle ich zurück.
„Mach’s trotzdem“, sagt mein Kind.
Ich schreibe also dem Kundenservice und klage ihm mein grenzenloses Leid – und komme mir nur ganz wenig albern dabei vor. Dann drücke ich auf „Senden“ und bekomme eine kurze Information, dass eine Antwort schon so um die 12 Stunden dauern könnte. Allerdings… nach gerade mal zehn Minuten habe ich eine Mail im Postfach. Und fühle mich so richtig verstanden.
„Lieber Kundin“, steht da, und dann erzählt der nette Mensch von der Kundenbetreuung, dass er sowas auch gar nicht leiden kann, wenn man sowas verspricht und nicht hält und dass er beim Versand angerufen hat um zu erfahren, was da los war. Er schreibt, er habe denen gesagt, dass das ja wohl gar nicht ginge, und habe nochmal meine Adresse kontrolliert, damit mein strohhutloses Leben bald ganz sicher der Vergangenheit angehört.
„Er hat die bestimmt voll zur Sau gemacht, nur wegen meines Strohhutes“, schreibe ich meinem Kind.
„Jaaa… er ist denen das Büro eingerannt, ich hab davon gehört“, gibt mein Kind zurück und setzt dann noch zu: „…und dann ist er noch ins Verteilzentrum gerannt und hat unterm Fließband geschaut, aber da war dein Hut auch nicht.“
„Für soviel Aufopferung hab ich ihm die volle Punktzahl gegeben“, sage ich.

Meine Nase pellt inzwischen. Irgendwann werde ich sicher einen Strohhut haben. Einstweilen habe ich einen Gutschein für meine nächste Bestellung bekommen, die der nette Mensch vom Kundenservice mir spendiert hat. Und ich hatte viel Spaß beim Herumalbern mit meinem Sohn.

Und das ist irgendwie am wertvollsten.

Fahrstuhl des Grauens

Wenn man in die Fahrstühle hier steigt, wird man nostalgisch. „Höchstens 26 Personen“, steht da, und man überlegt, wie in so einen kleinen Raum 26 Personen passen. Außerdem überlegt man, wieviel so ein altmodisches Schild wert sein könnte, wenn man es auf Ebay verkauft. Inzwischen gibt es ja neue Schilder. Corona-Schilder. „Nicht mehr als zwei Personen pro Fahrstuhl“ steht da jetzt dran. Und dann gibt es noch ein weiteres Schild. Irgendwas mit „Drücken Sie nur den Pfeil in die Richtung, in die sie auch fahren wollen“. Klingt logisch. Wenn man sich dran hält, kommt man vielleicht ohne Virusinfektion irgendwann dort an, wo man hin möchte.

Ich muss von Erdgeschoss in den achten Stock. Ein Fahrstuhl kommt, hält an, lässt einen Mann raus. Drei sind jetzt noch drin, und der Fahrstuhl fährt nach unten. Passt nicht. Ich warte auf die nächste Möglichkeit. Von unten kommt ein Fahrstuhl, fährt nach oben. Als die Tür aufgeht, stehen da schon sechs Leute drin. Ich steige nicht ein. Ein weiterer Fahrstuhl kommt von unten. Darin: irgendein riesiges Gerät. Ich passe nicht mehr rein. Dann wieder ein Fahrstuhl von oben. Er hält an, es sind noch fünf Leute drin, die nach unten wollen. Hinter mir drängeln sich vier weitere Leute in den Fahrstuhl und fahren nach unten. Derselbe Fahrstuhl hält zwei Minuten später wieder bei mir, und es sind genau dieselben neun Leute drin. Ich beginne, die Menschen zu hassen. Plötzlich hält ein Fahrstuhl neben mir, will nach oben, es ist NIEMAND drin. Ich springe begeistert hinein, fahre ein Stockwerk nach oben. Da hält der Fahrstuhl und ein weißbekittelter Mann steigt ein. Wir nicken uns höflich zu, fahren zwei Stockwerke nach oben, dann hält der Fahrstuhl. Vier Leute versuchen, sich in den Fahrstuhl zu stürzen. Da, plötzlich:
„Hier sind schon zwei Leute drin!!!“, dröhnt der Weißbekittelte mit der ganzen Autorität seiner Doktoren- und Professorentitel. Die Leute bleiben eingeschüchtert draußen stehen. Die Tür geht zu, und ich sehe das Grinsen meines Mitfahrers trotz Maske.
„Das hat jetzt mal Spaß gemacht“, kichert er.

Acht Stockwerke sind ziemlich viel, wenn man durchs Treppenhaus muss. Ich glaube, es ist trotzdem eine Option. Für’s nächste Mal…

Trithemius frug…

und man begann zu suchen.

Eigentlich hatte ich das Internet schon kurz nach Einzug in unseren Haushalt satt. So satt sogar, dass das Modem (man erinnere sich – entweder Telefonieren oder Internet, wisst ihr noch? Und dann dieses dauernde „ich bin schon wieder rausgeflogen, warte, in zehn Minuten geht’s wieder!“… ach, das waren noch Zeiten!) eines Abends nach einem heftigen Streit im hohen Bogen aus dem Fenster flog. Eine der wenigen wirklich theatralischen Aktionen, die ich mir geleistet habe. Aber danach war dann auch ein paar Jahre Funkstille, und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Irgendwann, ein weiteres Kind später, hockte ich dann zuhause und wusste nichts wirklich mit mir anzufangen. Alle Kinder waren gefüttert oder ins Gymnasium gebracht worden, alle Bücher waren gelesen und alle Rezepte für „Kassler mit Rösti überbacken“ waren ausprobiert. Ich sehnte mich verzweifelt nach ein wenig „Welt da draußen“, und da fiel mir wieder das einstmals verschmähte Internet ein.

Ich begann mit dieser Klugscheißergruppe von Yahoo 360 – man stellte Fragen (die meisten hatten damit zu tun, wie man Augenringe weg bekommt oder ob die Katze schwanger sein könnte, wenn sie doch gar keinen Kater um sich hat außer ihrem eigenen Bruder), und das war genau das Richtige für mich. Die Fragen zu Queen, Hoch- und Tiefdruckgebieten und Schildkröten beantwortete ich mit Leichtigkeit, und anscheinend auch mit einem gewissen Talent für Formulierungen. Irgendwann sprach mich jemand an und meinte, ich solle doch, statt klugzuscheißen, lieber Blogeinträge schreiben.
So kam ich zu Yahoo 360.

Das Bloggen dort war anders als bei Blog.de. Viel lustiger, lebendiger. Statt wohlgesetzte Kommentare unter liebevoll formulierten Blogeinträgen zu lassen, feierten wir in der Kommentarfunktion Partys. Einmal verabredeten wir uns, ein Märchen aufzuführen. Die Rollen wurden verteilt und das Märchen wurde gespielt – in den Kommentaren. Ich erinnere mich, die böse Stiefmutter gewesen zu sein und versucht zu haben, alle umzubringen. Es war witzig. Und es wurden Freundschaften geschlossen, die bis heute bestehen (HALLO PUCK!!!).
Und dann wurde der Blog von Yahoo 360 plötzlich geschlossen. Von heute auf morgen waren wir heimatlos.

Den original ersten Blogeintrag meines Lebens besitze ich nicht mehr, wohl aber den ersten Blogeintrag, den ich auf Blog.de veröffentlichte. Es war einer meiner alten Einträge von Yahoo 360 gewesen und ich wollte „nur mal ausprobieren“. Zu meinem Glück las jemand den Eintrag, fand ihn gut und fragte nach mehr (sonst hätte ich mich wohl nie getraut, noch etwas zu veröffentlichen). Und hier ist er, der nicht-ganz-erste Eintrag. Von 2007. Gefunden in den Weiten meiner – liebe Güte!!! – 1820 Blogeinträge, und zwar indem ich nach „Hausstaubmilbe“ suchte. Was auch sonst.

Schildkröten““, sagt meine Freundin nachdenklich, „“müssen die konfliktfreisten Ehen der Welt führen. Statt zu fragen, ‚Liebling, was hast Du denn, ist irgendwas los?’ guckt der Gatte nur, wo sich der Kopf des Partners befindet. Pendelt er außerhalb des Panzers nachdenklich über einem Löwenzahnblatt, kann man ihn auf die 5 in Mathe des jüngsten Schildkrötensprösslings ansprechen. Ist er allerdings in seinem Panzer verborgen, weiß man, dass Vorsicht angeraten ist“.“
„“Allerdings sind Schildkröten doch recht langsam““, grüble ich. „“Kraken dagegen sind so intelligent, dass sie erst gar keine 5 in Mathe bekommen würden. Die können sogar den Schraubverschluss eines Marmeladenglases öffnen, wenn etwas Interessantes darin ist“.“
„“Das kann mein Jüngster auch““, seufzt meine Freundin, „“aber vor der 5 in Mathe bewahrt ihn das nicht. Da finde ich doch Wale viel interessanter. Wußtest Du, dass Bartenwale richtige Strophen singen?““
„“Hmm… sie lernen sogar neue Strophen von vorbeikommenden fremden Walen. Allerdings singt mein Kind auch dauernd, aber trotzdem hat es bis heute den Trick nicht rausgefunden, wie man seine dreckigen Socken in den 10 Zentimeter daneben stehenden Wäschekorb befördert“.“
„“Raben vielleicht?““, fragt meine Freundin nachdenklich. „“Sie sind intelligent, lernen den Gebrauch von Werkzeugen, können Folgen ihrer Handlungen vorhersehen, und in Japan gibt es sogar Raben, die Nüsse auf die Fahrbahn fallen lassen, damit die Autos die Schalen für sie knacken – und zwar genau auf den Zebrastreifen, damit sie sich die Kerne holen können, wenn die Autos stehen“.“
„“Ich mag Raben““, gebe ich zu, „„allerdings denke ich doch, dass die Zukunft der Welt den Hausstaubmilben gehört““.
Meine Freundin sieht mich verblüfft an.
„“So intelligent sind die doch gar nicht““, meint sie nach kurzer Pause. Ich schüttele den Kopf.
„“Du glaubst doch wohl nicht wirklich, dass es in diesem Leben auf Intelligenz ankommt? Guck Dich doch nur mal um. Nein, die Hausstaubmilben haben einen anderen Trick auf Lager. Sie scheiden an jedem Tag ihres Lebens ca. 20 Kugeln Kot aus. Insgesamt leben sie ungefähr sechs Wochen lang, das macht 840 Kotkugeln, das mehr als das 200-fache ihres eigenen Gewichtes. Ein jahrelang nicht gewaschenes Kopfkissen kann bis zu 10 Prozent seines Eigengewichtes an Milbenkot enthalten“.“
Wir schweigen beide, weil wir kurz nachrechnen müssen, wann wir unsere Kopfkissen das letzte Mal gewaschen haben.
„“Du hast Recht““, sagt meine Freundin dann. „„Intelligenz kann für eine kurze Zeit auf andere Menschen belebend wirken. Aber wenn man genug Scheiße produziert, bleibt man jahrelang unvergessen““.

Heute so

Eigentlich hätte ich sehr viele Sachen zu tun gehabt. Richtig viele. Stattdessen habe ich auf YouTube Videos von Leuten geguckt, die das erste Mal „Sound of Silence“ in der Version von Disturbed hören (und sehen). War witzig. Die Reaktionen reichten von Sprachlosigkeit, seligem Grinsen und begeistertem Mitsummen über genaue Erklärungen, warum das Ganze so toll ist („OMG, er trifft das hohe A!!!!“) bis hin zu Gänsehaut und Tränen. Ich muss es zugeben, das war viel befriedigender, als mich um die Behördenpost zu kümmern – besonders, weil es mir damals beim ersten Hören genauso ging.
Es gibt nicht viele Lieder, bei denen es mich direkt beim ersten Hören trifft, aber Disturbed schafft das (sogar mehrmals). Sonst… ich hab mal drüber nachgedacht. Als ich damals Amy McDonald „entdeckte“, war ich ziemlich begeistert. Irgendwie singt die immer einen Viertelton zu tief, aber trotzdem klingt das toll. Dann Evanescence mit „My Immortal“, aber mehr noch „Bring me to live“. Gehört – und sofort geliebt. Dasselbe mit Hozier „Take me to church“. Das lief im Radio, ich erinnere mich. Und auch, dass ich sofort wissen wollte, was das für ein Lied war – weil ich es noch einmal hören wollte.
Es gibt noch viele Lieder, die ich liebe oder zumindest sehr mag, aber von der ersten Sekunde an? Eher nicht.

Jedenfalls hab ich vor mich hingesummt und auf dem Balkon gesessen und gelesen, bei über zwanzig Grad (und unter dem Sonnenschirm. Ich bekomme sofort einen Sonnenbrand!), und außerdem bin ich fünfzehn mal mit dem Hund raus. Das letzte Mal eben gerade, und das war toll. Die Nacht ist sternenklar, und der große Wagen stand direkt über uns. Automatisch habe ich nach dem Polarstern gesucht, während der Hund den richtigen Platz zum Pinkeln suchte – jeder hat da so seine Vorlieben.
Ich habe heute außerdem mit meinem Sohn die neusten Entwicklungen in unseren Pflanzenzuchten ausgetauscht. Mein Avocadobäumchen ist schon 7 Zentimeter groß, und EINE meiner „ganz besonderen Chilis“ hat es nach mehr als vier Wochen dann doch durch die Erde geschafft. Er dagegen hat versehentlich ca 50 Basilikumpflanzen gezüchtet. Nun, vermutlich wird das für die hundert Tomatenpflanzen reichen, die er ebenfalls als Samen in die Erde geschmissen hat und die alle, alle etwas geworden sind.
In diesem Jahr bekommt er keine Ostereier von mir, sondern Blumenerde.
Ich habe außerdem auch eine Folge „Numb3rs“ geguckt und ein wenig Essen gekocht. Ganz entspannt. Und jetzt ist der Tag beinahe rum und die Post… naja, die wird morgen auch noch da sein. Kein Problem.

War echt ein fauler, schöner Tag heute…

Oh, Kind…

Mein Kind verzweifelt an einer dieser Fertig-Spaghetti-Packungen.

Mama, da steht „Den leeren Alubeutel bis zur Markierung mit Wasser füllen““

„Sie haben vergessen, die Markierung aufzudrucken“

Ich verzweifle“

Aber jetzt mal ehrlich“

Warum werden die bei Rewe verkauft und nicht bei Krümet“

Gemein“

„Nicht jeder ist so schlau wie ich“

„Andere machen da bestimmt literweise Wasser rein“

Ich wusste nach einem Liter schon, DAS ist zuviel

Danach musste ich erstmal eine Wasserlache wegwischen, weil ich mein Trinken im hohen Bogen ausgespuckt habe…

Oh… diese Limonen!

Ich gehöre, und eigentlich bin ich recht stolz darauf, zu den Menschen, die der Meinung sind, dass es nichts bringt, in der Vergangenheit zu leben. Kann man sowieso nicht mehr ändern, die Vergangenheit. Allerdings gibt es so Momente, da drängt sich die Vergangenheit einem trotzdem mit einem kräftigen „Da bin ich mal wieder!“ auf. Besonders, wenn es um Gerüche geht. Dieses Parfüm, „Tosca“ (gibt es das eigentlich noch?), wird mich für immer und unwiderruflich an meine Tante erinnern, frisch gedüngte Felder dagegen an meine Oma. Ich hoffe, das ist nicht irgendwie fies – sie selber roch nie nach frisch gedüngten Feldern. Aber die Felder nebenan, die rochen eben ab und zu so (besonders, wenn sie frisch gedüngt waren), und Oma sagte dann: „Kinder, atmet tief die gute Landluft ein!“ – als ob Kuhscheiße einen irgendwie innerlich reinigen würde. Ich atme immer noch bei jedem gedüngten Feld die „gute Landluft“ tief ein und denke dabei an Oma.

Wenn meine Nachbarin kocht, kommen dagegen manchmal Erinnerungen an die besseren Zeiten meiner Ehe nach oben. Sie ist Afghanin, und das dortige Essen ist dem persischen sehr ähnlich. Und da sie eine gute Ehefrau und Mutter ist, kocht sie jeden Tag – nicht wie ich, die ich den Mann meines Herzens mit läppischen Butterbroten versorge und mir dabei schon so 50-er-Jahre-like vorkomme, dass ich beim Butterstreichen am liebsten „Que sera“ singen und dabei mit meinem Petticoat wirbeln würde.
Irgendwann hat meine Nachbarin bemerkt, dass ich sobald sie kocht (also immer, kurz gesagt) etwas Heimweh bekomme, und daher versorgt sie mich von Zeit zu Zeit mit afghanisch/persischem Essen. Selber kochen könnte ich zwar (wenn auch lange nicht so gut wie sie) – aber nur, wenn ich die Zutaten dafür besäße. Die es in unserem Dorf einfach nicht gibt.

Vor ein paar Tagen klagte ich meinem Sohn mein Leid, und zwei Tage später kamen zu meiner Überraschung hier zwei riesige Pakete an, mit allem, was man so für ein vernünftiges Ghorme Sabzi benötigt.
„Danke, danke, danke, danke, danke!!!“, jubelte ich schriftlich ins Telefon, und fügte, ebenfalls schriftlich: „Hoffentlich mag der beste Mann von allen das auch“, hinzu. Worauf mein Sohn antwortete, es sei unmöglich, Ghorme Sabzi nicht zu mögen. „Jedenfalls“, ergänzte er, „wenn das Fleisch schön zart ist und die Kräuter gut durch und die Bohnen weich gekocht und das Ganze perfekt gewürzt und die Limonenstücke vorm Servieren rausgefischt werden, damit man nicht drauf beißt…“
„Nur keinen Stress“, dachte und fing an zu kochen. Das war gestern.

Eine halbe Stunde, nachdem ich zu kochen begann, klingelte es an der Tür und der Nachbarsjunge stand davor, mit einem Tablett afghanischer Anti-Heimweh-Speisen. Das war so nett – und so gemein. So viel Heimweh hab ich nun auch wieder nicht, dass ich beides hätte essen können. Allerdings – so ein richtiges Ghorme Sabzi schmeckt angeblich am nächsten Tag noch besser.

Ich freue mich auf heute Abend! Und ich glaube, der fruchtige Geruch von Limonen, die würzigen Kräuter, dieser unverwechselbare Duft von Ghorme Sabzi – all das wird etwas sein, das ich für immer mit meinem Sohn verbinde.

Ich hab ihn so lieb.

Vogel des Jahres

„Mamaaaa“, schreibt mein Sohn mich an, „da braucht mal jemand Hilfe!“
„Schieß los“, seufze ich schriftlich zurück und bin kein bisschen überrascht, als ich Sekunden später einen Link von „Nabu“, dem Naturschutzbund Deutschland, auf dem Handy habe. Da kann man aus zehn Vogelarten über den „Vogel des Jahres“ abstimmen.
„Die Leute sind immer so gemein zu den Tauben“, sagt mein Sohn. Ich kann das nicht bestreiten, das waren sie schon, als ich noch klein war. Ich erinnere mich, mit einer Klassenkameradin in der Grundschule in Streit geraten zu sein, weil die behauptete, Tauben seien keine Vögel, sondern Ratten, und sie wisse das sicher, ihre Tante habe das gesagt. Nun war ich wiederum sicher, dass das mit den Federn, den Schnäbeln und dem Fliegen Vögel und keine Säugetiere waren, während Ratten Nagezähne, Fell und lange kahle Schwänze ihr Eigen nannten. Meine Argumente damals gingen ins Leere: „Ja, aber meine Tante hat gesagt…“
„Neulich aß ich so mein Brot, und da kam eine Taube und hatte Hunger“, erzählt mein Sohn. „Also habe ich ihr was abgegeben. Und erst hinterher erfahren, dass Tauben füttern totaaal verboten ist.“
Ich kenne das von ihm. Einer seiner besten Kumpel war eine Krähe bei einer seiner Arbeitsstellen. Anfangs teilte er seinen Thunfisch mit ihr, dann rief er mich an und fragte panisch, ob Krähen Thunfisch überhaupt vertragen (kein Problem, mein Kind!) und hatte danach immer Krähen-geeignetes Futter dabei. Auf einem blauen Teller (von Boden fraß sie schon nach drei Tagen nicht mehr!).
„Wenn ich eine Taube wäre, würde ich auch dahin ziehen, wo es leckeres Essen gibt“, sagt mein Sohn.
Ich gebe mich geschlagen, missachte die knuddeligen Rotkehlchen, die bunten Eisvögel und die eleganten Kibitze und gebe meine Stimme den Stadttauben, die auch nur Hunger haben.
„Ich will dich aber nicht beeinflussen“, sagt mein Kind.

Heute morgen lese ich, dass die Wahl entschieden ist. Auf dem ersten Platz sind die Rotkehlchen, welche somit Vögel des Jahres geworden sind. Die arme Stadttaube hat es aber immerhin auf den fünften Platz (von zehn) geschafft, mit 9,2 % aller Stimmen (und eine von den 31.453 Stimmen war ich!). Es scheint, als habe der Vogel doch mehr Freunde, als man vermuten sollte. Und jetzt, beinahe 50 Jahre später, kann ich endlich beweisen, dass es doch Vögel sind: Bei der Wahl zur „Ratte des Jahres“ sind die Tauben immerhin noch nicht aufgetaucht. Wobei… wenn es so eine Wahl gibt… ehrlich, ich warte nur auf eine Nachricht meines Sohnes: „Mama, da braucht jemand Hilfe. Wieso mag eigentlich kein Mensch Ratten? Die sind doch sooo toll. Neulich habe ich meinen Döner mit einer geteilt…“

Das muss er von mir haben.