Bibliophil

Es ist Herbst. Zeit, die dicken Socken herauszuholen (oder, wie in meinem Fall, überhaupt Socken herauszuholen) und dafür die T-Shirts bis zum nächsten Jahr ganz hinten im Schrank zu verstauen und stattdessen die selbstgestrickten Pullover in Reichweite zu legen.

Die Zeitschriften reagieren wie jedes Jahr auf den Beginn des Herbstes: Sie malen Bilder von kuscheligen Abenden auf dem Sofa am Kaminfeuer, eingewickelt in eine warme, selbstgestrickte Decke (Strickanleitung auf Seite 54), mit einem schönen Tee, einem Teller voller Kekse (die Bikinifigur wird dieses Jahr nicht mehr benötigt) und ein paar guten Büchern. Die Sommerbücher, zu lesen unter Sonnenschirmen am Strand oder, dank Corona, auf dem heimischen Balkon, verschwinden zusammen mit den T-Shirts im Schrank und werden durch gehaltvollere Herbstlektüre ersetzt. Krimis sind klasse zu dieser Jahreszeit, vielleicht, weil Mord und Totschlag, eingemummelt in eine warme Decke, sich einfach viel entspannter anfühlen als in der Hängematte. Beliebt sind derzeit auch Familiengeschichten, gerne auch etwas opulentere. Das ist wie mit dem Essen, glaube ich. Im Sommer verträgt man eher die leichteren Varianten, aber in der kalten, dunklen, durch Kaminfeuer erleuchteten Jahreszeit kann es ruhig etwas Kräftigeres sein. Die Buddenbrooks beispielsweise sind so eine Art literarischer Grünkohl; „Krieg und Frieden“ gar die Ente mit Rotkohl (und der Füllung bitte so, wie Oma sie machte!). Dazu noch ein paar schöne Bildbände als Nachtisch, und man kann ziemlich sicher sein, den Herbst gut zu überstehen.

Ich bin noch nicht sicher, was ich in diesem Herbst lesen werde. Ich bin spät dran; der Sommer war so schön, dass ich mich nicht davon trennen konnte. Ich habe auch nicht viele Bücher hier; nur die, die mir die Allerliebsten sind, haben es schon den weiten Weg hierher geschafft. Die Auswahl mutet wohl eher absonderlich an. So liegt im Flur „Robbi, Tobbi und das Fiewatüt“, im Schrank steht „Der Herr der Ringe“, ein Stapel „Tim und Struppi“ – Hefte hat es nebst einigen Asterixausgaben (sowie einem Petzi-Buch) immerhin schon ins Gästezimmer geschafft, und auf dem Nachttisch (der Ort mit der wärmsten Decke) befindet sich mein E-Book-Reader, auf dem nicht nur die Gesamtausgabe der Werke von Agatha Christie zu finden sind, sondern auch Bücher von Joss Stirling, Marah Woolf und diverser Indie-Autoren, die manchmal tatsächlich überraschend gut sind (und wenn nicht, hat man nicht viel Geld ausgegeben, um das herauszufinden).

Ein paar spannende Bücher habe ich aber doch gefunden, die ich gerne gedruckt in der Hand halten würde. Da gibt es „The Five“ – das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden“ von Hallie Rubenhold. Die Autorin beschäftigt sich mal nicht mit der Frage „Wer war der Mörder“, sondern erzählt vielmehr anhand der Beispiele der Opfer, wie das Leben damals für die ärmeren Menschen in London war. Ich habe den Anfang bereits gelesen und es verspricht, eine faszinierende Millieustudie zu werden.

Dann habe ich da noch „Berlin – Anfänge einer Großstadt“ von Thomas Böhm gefunden; Erzählungen (und ebenfalls Millieustudien, aber von Zeitzeugen) von vor über hundert Jahren, nur eben nicht ganz so britisch, und vermutlich auch nicht ganz so mörderisch.

Und dann… ich weiß nicht, ob das Buch gut ist, aber es ist ein Bildband von der Sorte, die gut sein KÖNNTE, wenn man wie ich verrückt nach Büchern ist: „Do you read me?“ von Marianne Julia Strauss, eine Sammlung besonderer (und vielleicht auch besonders schöner?) Buchläden. Ich liebe Buchläden. Auch wenn ich meinen E-Book-Reader nicht mehr missen möchte, so ist ein Buchladen, ebenso wie eine Bibliothek, doch immer ein Ort für mich, wie er anregender und gleichzeitig beruhigender; wie er herrlicher kaum sein kann.

Ich bin absolut dafür, dieses Wohnzimmer hier umzubauen, damit es meinen Bedürfnissen entspricht. Eine Idee dafür habe ich schon:

Bild: Reddit

Nur sollten die Tische und Stühle weg, und stattdessen gehört da ein riesiges, flauschiges Sofa hin, mit Kuscheldecke und Tee. Und vielleicht einer schnurrenden Katze.

Das wäre der Himmel für mich.

Farblich divers

Meine Freundin meldet sich über Whatsapp und fragt, was sie tun soll. Zwei Kinder aus der Nachbarschaft haben ihren Sohn zum „draußen spielen“ abgeholt. Nach einiger Zeit kam der Kleine wieder rein und war total gekränkt. Die beiden – sieben Jahre alt, wie er – haben ihn als „blöden Braunen“ bezeichnet. Tatsächlich hat das Kind von seiner leiblichen Mutter sanft gebräunte Haus vererbt bekommen – wie meine Freundin selber übrigens auch, wenn man GANZ genau hinsieht. Ihr Vater ist Inder. Jedenfalls ist sie entsetzt, und weiß nicht, wie sie reagieren soll.

Ich auch nicht.

Tatsache ist, dass meinen Kindern, die eindeutig schwarzhaarig und braunäugig sind, so etwas bis zum Gymnasium erspart geblieben ist. Und danach haben sie es mir nicht mehr sofort erzählt, sondern erst Monate bis Jahre später. Dann, wenn sicher waren, dass ich NICHT sofort hinstürme und mich peinlich benehme.

Nun ist das so, dass ich „Dank“ meiner Gesichtsblindheit nicht besonders auf Hautfarben achte. Ich kann es nicht mal. Sollte ich jemals als Zeuge vorgeladen werden, würde sich das wahrscheinlich so anhören: „Er… naja, ich glaube, es war ein ‚Er’… hatte eine Nase und zwei Augen, da bin ich ziemlich sicher. Haare? Keine Ahnung. Vielleicht. Oder möglicherweise auch nicht“. Solche Kleinigkeiten wie Hautfarben entgehen mir gerne mal ganz. Tatsächlich habe ich erst in der Grundschule gelernt, dass es so etwas wie „bessere Menschenrassen“ gibt. Unsere Lehrerin nämlich, die etwas Gutes tun wollte, teilte uns salbungsvoll mit, dass „Türken und Neger tatsächlich auch Menschen“ seien, genau wie wir. Ich bin nicht sicher, wie das auf meine Klassenkameraden gewirkt haben mag; mich jedenfalls brachte es überhaupt erst auf die Idee, dass das auch anders sein könnte.

Selber lernte ich Rassismus dann erst kennen, als ich mich in einen Perser verliebte. Die Angestellte der Ausländerbehörde behandelte mich wie den letzten Dreck, als ich mich beim Buchstabieren des Nachnamens meines Partners versprach (sie bepöbelte mich, ich sei wohl Analphabetin, aber hey… den Namen KANN man weder buchstabieren noch aussprechen, dazu ist er zu persisch!!!). Und ich war sogar blond und blauäugig und hatte NUR den unverzeihlichen Fehler begangen, mich in einen Ausländer zu verlieben. Was mussten dann erst die richtigen Ausländer bei dieser Megäre erleben?

Einer meiner Söhne wurde, seit er fünfzehn Jahre alt ist, grundsätzlich von der Polizei angehalten (und grundsätzlich wieder laufen gelassen) weil „die Täterbeschreibung genau auf Sie passt“. Dass es keinen Rassismus bei der Polizei gibt, ist wohl ein Witz. Einmal kam mein Sohn total frustriert nach Hause. Sein Kumpel (noch viel dunkelhäutiger als er) kam aus der Haustür und wurde sofort als Tatverdächtiger für irgendwas „geschnappt“ – und: „Mama… er hielt das Butterbrot noch in der Hand, das ihm seine Mami gerade geschmiert hatte“. Damals hätte ich heulen können. Genauso, als mein Sohn (der das irgendwie witzig fand) mir erzählte, dass sein Kunstlehrer seinem blonden, blauäugigen Kumpel für ein Bild eine Eins minus gegeben habe. Und ihm, als er zwei Stunden später mit demselben Bild zu dem Lehrer ging, eine Vier minus. Der Lehrer war bekannt für seine rassistischen Ausfälle, aber das… mein Sohn hat es mir auch sicherheitshalber erst Jahre später erzählt.

Und jetzt der Lütte meiner Freundin. Gut, ich glaube nicht, dass die Kinder diesen Spruch irgendwie rassistisch gemeint haben. Entweder haben sie ihn nachgeplappert (was schlimm genug ist) oder sie suchten einfach einen Grund zum Streiten und der rote Pullover war nicht hässlich genug. Ich habe – ich weiß nicht, ob es richtig war – meiner Freundin gesagt, sie solle kein Drama draus machen, dann wird es auch keins. Sie solle nur erwähnen, dass es langweilig wäre, wenn alle Menschen gleich aussähen, und dass seine Hautfarbe ebenso gut ist wie die der beiden Kinder oder wie die vom afrodeutschen Kinderarzt, und „jetzt geht das Playmobil aufräumen. Das ist viel wichtiger. Heulen kannst du, wenn Dein Kind schläft.“

Und zehn Minuten später standen die beiden Kinder sowieso wieder vor der Tür und fragten, ob ihr Sohn nicht DOCH zum Spielen rauskäme…

Tag des Hundes

Der bestinformierteste aller Männer stellte fest, dass heute „Tag des Hundes“ ist. Und dass ich doch mal darüber schreiben solle. Wenn schon über sonst nichts.

Okay, gut… nur weiß ich gar nicht, wieso. Stimmt, ich hatte mal Hunde. Meine Bessi war zweifellos ein Hund. Schon bei Fenja war ich da nicht mehr sicher, obwohl ich für sie Hundesteuer zahlte. Ich meine, sie hatte ein plattes Gesicht wie eine Perserkatze, und wenn man sie streichelte, schnurrte sie. Mein Bruder stellte fest, dass sie eigentlich aussah wie ein mittelalterlicher Gargoyle, und beim Trüffelsuchen (oder was auch immer sie im Waldboden suchte) grunzte sie. Ich habe mich genau informiert. Heute ist nicht der „Tag des Katzenschweingargoyles“.

Dieses kleine Tier, welches jetzt mit uns zusammen lebt, scheint mir noch etwas völlig anderes zu sein (obwohl ihre Mami ein Katzenschweingargoyle war). Klar, die frisst Hundefutter, aber auch Brombeeren, Pferdekacke, Gurken (Meerschweinchen??? Googeln!), Socken, Erdbeeren, Kartoffelbrei, Zahnbürsten, Nasentropfen, Papiertaschentücher und Wolle. Vom Aussehen her könnte sie ein Katzenschweingargoyle sein, aber vom Verhalten… ich weiß nicht. Eigentlich sind Hunde ja für ihren nicht unimmensen Verstand bekannt, aber dieses Tier hat keinen. Neulich rannte sie gegen einen Elektroweidezaun und war danach böse auf mich. Heute rannte sie wieder dagegen – und ist jetzt sicher, dass ihr Bällchen schuld ist. Mein Sohn meint, ich solle sie noch mal in Abwesenheit des Bällchens dagegen werfen, aber irgendwie ist das auch fies. Das ist das Blöde an diesen Dingern, für die man Hundesteuer zahlt – so merkwürdig die auch sind, man hat sie trotzdem lieb. Irgendwie. Sogar echt doll. So gesehen ist der Tag des Hundes eigentlich eine gute Sache – wir fassen einfach alles zusammen, was am „Tag des Alpakas“, am „Tag des Iguanodon“ und am „Tag des Angler Sattelschweins“ NICHT gefeiert wird und nennen es „Hund“. Ist denen ohnehin egal. Solange es Leckerlis gibt und man am Bauch gekrault wird.

Liebe Grüße auch an Maggie und Kenji, von denen ich sicher bin, dass sie Hunde sind. Sie sehen so aus, sie benehmen sich größtenteils so, und sie tragen Hundehalsbänder. Lasst euch feiern.

Hier ein äußerst gelungenes, aussagekräftiges Portrait eines… äh… Dings… Knautschgesichtes. Jep. Ein Knautschgesicht, welches es vorzöge, zu schlafen.

Eben im Radio

Der Moderator hat einen zehnjährigen Jungen in der Leitung, der etwas gewinnen will. Dazu muss er eine Frage beantworten. Der Moderator spielt eine niedliche Kinderstimme ab: „Gesucht werden zwei Städte, die denselben Namen haben. Eine liegt in Ostdeutschland und eine im Westen. Sie liegen an unterschiedlichen Flüssen und der Name der Städte fängt mit einem Männernamen an…

Der Junge hat offensichtlich nicht die geringste Ahnung. Im Hintergrund hört man aufgeregtes Gezischel. Dann:

Frankfurt am Main!

Der Moderator: „Stimmt, das ist die eine Stadt. Und die andere?

Er gibt noch mehr hilfreiche Tipps („Der Fluss klingt so ähnlich wie ‚Aber‘„), das Kind allerdings bleibt stumm. Dafür wieder heftiges Gezischel im Hintergrund. Und dann hat er es. Junge, triumphierend:

Oder am Main!!!

Bergleben

Als Johanna Spyri ihren Mega-Bestseller „Heidi“ schrieb, hat sie, wie ich inzwischen herausgefunden habe, kein bisschen recherchiert. Sie beschrieb den Alm-Öhi als alten, granteligen Mann, der von der Welt im Allgemeinen und von den Einwohnern des „Dörfli“ im Tal im Besonderen nicht das Geringste wissen wollte. Nun – das ist nicht wahr. Der Kerl ist auf den Berg gezogen, weil er einfach unglaublich neugierig war. Ich weiß das, weil ich auf dem Berg wohne, und statt der erwarteten Stille bin ich bestens informiert über alles, was im Tal vor sich geht. Wenn der Hund Durchfall hat, das Kind zum fünften Mal sein Spielzeug auf die Erde pfeffert und Hans-Erwin fremdgeht – ich weiß Bescheid. Zumindest akustisch. Optisch bekomme ich leider nicht alles mit. Ich weiß nicht, welcher Hund zuviele Haselnüsse (mit Schale) gefressen hat, ich grüße Hans-Erwin freundlich, ohne zu ahnen, welchen Kummer er seiner Frau macht, und was das entzückende Kleinkind mit dem dringenden Wunsch, herauszufinden, ob die Erdanziehungskraft jedes Mal funktioniert, angeht – ich kenne nicht mal seine Haarfarbe. Dafür weiß ich sonst so einiges über ihn. Ich weiß, dass das Kindergeld für ihn seit zwei Wochen endlich regelmäßig gezahlt wird, dass im Flur seiner Eltern eine Garderobe steht, gekauft am 22. August über Ebay Kleinanzeigen für 24 Euro, und sollte er jemals bei mir zu Besuch sei, werde ich ihm keine Karotten anbieten. Die mag er nämlich nicht.

Vermutlich ist es ihm peinlich, was ich alles über ihn weiß, aber er kommt einfach nicht dagegen an. Mama ist nämlich echt laut. So schrill-laut. Also so, dass man sie einfach nicht überhören kann, selbst wenn man sich furchtbare Mühe gibt. Obwohl es einigen Menschen zu gelingen scheint. Ich glaube, die Kassierin im Supermarkt unten im „Dörfli“ hatte den Dreh raus, denn sie sagte zu mir: „Ich kann sie leider akustisch nicht hören„. Ich liebe diesen Satz. Ich will auch akustisch nichts hören können. Bis zum nächsten Jahr muss ich das hinbekommen. Bis dahin wird der kleine Karottenhasser im Tal vermutlich die ersten Worte sprechen und an lauen Sommerabenden auf Opas Terrasse seine Meinung über Gemüse mit ebenso lauter Stimme kundtun, wie Mama über die Ihre über ihre neue 24-Euro-Garderobe. Das sind die Gene, dagegen kommt man nicht an.

Es sei denn, er kommt nach Oma. Ich habe Monate gebraucht, um herauszufinden, dass es eine Oma zu dem Kind gibt. Sie sagt nie etwas. Ich stelle mir vor, dass sie im Gegensatz zu Mann und Tochter friedlich in ihrem Schaukelstuhl sitzt, strickt, und ab und zu „Jaja“ sagt. Dass sie Ohrstöpsel benutzt (und das schon, seit das Töchterlein als Baby das erste Mal seine Karotten verweigerte), kann man durch die ohrenbedeckende Frisur nicht sehen.

Egal ob ich mir das nur einbilde oder nicht, die Frau hat recht. Ich werde mir bis zur Freiluftsaison im nächsten Frühling Ohrstöpsel zulegen und dann die Bergeinsamkeit genießen. Wenn jemand was will – kommt einfach hoch auf die Dachterrasse. Klingeln könnt ihr vergessen, ich werde es nicht hören können. Ach ja, und wenn ihr auf dem Weg durch’s Tal an einer Frau vorbei kommt, die mit fürchterlich schriller Stimme erzählt, dass sie gerade im Bett Probleme mit ihrem Hans-Erwin hat, und das, während ein Kind neben ihr mit Karotten wirft – guckt doch mal bitte hin, welche Haarfarbe das Kind hat.

Würde ich ja schon gerne wissen.

Eine gar lustige Geschichte in einundzwanzig Akten

„Sie können“, sagt die nette Dame von der Krankenkasse, „uns die Änderungen auch per Internet mitteilen!“

Na, das ist doch toll, denke ich, und schreibe denen mal schnell eine Email, um ihnen die neue Adresse zu geben, damit sie ihre Post nicht immer dahin schicken, wo niemand mehr ist.

„Neinnein!“, ruft die nette Dame von der Krankenkasse in ihrer Antwort-Email, „solche vertraulichen Informationen können Sie nicht einfach per Email senden, denn da können sie von anderen gelesen werden. Sie müssen sich auf unserer Homepage anmelden…“

„Aber ich HABE Ihnen die Adresse doch nun schon einmal geschickt, und egal ob jemand sie gelesen hat, sie HABEN sie doch jetzt!“

„Nö“, sagt die nette Dame von der Krankenkasse, und klingt auf einmal gar nicht mehr nett. „Vorschrift ist Vorschrift!“

Ich setze mich also an den Computer, versuche, irgendwie Internet in den Computer zu bekommen (denn so etwas Schönes haben wir hier auf unserem Berg bisher noch nicht) und arbeite mich über diverse Multiple-Choice-Fragen bis zu „Sie wollen ihre Adresse ändern“ durch.

„Um Ihre Adresse zu ändern, benötigen Sie einen Pin-Code, der Ihnen mit der Post zugesandt wird“, sagt die Homepage zu mir. Und sendet den Pin-Code an die alte Adresse. Die, wo nie jemand ist.

Wochen später gelingt es mir, auf die Homepage meiner Krankenkasse zu gelangen.

„Schön, dass Sie da sind“; freut sich die Homepage. „Geben Sie bitte folgende Daten ein…“. Und ich tippe und tippe, und weiß ganz genau, dass die Krankenkasse meine Daten schon hat, weil ich da schließlich schon seit über dreißig Jahren versichert bin. Und dann kommt plötzlich: „Haben Sie Kinder?“

„Klar hab ich Kinder“, murmele ich, „aber wollen die jetzt wissen, ob ich Kinder habe, die familienversichert werden müssen? Oder nur, ob ich zu irgendeinem Zeitpunkt meines Lebens mal Presswehen hatte und daraus folgend nun irgendwelche Kinder habe, die irgendwo versichert sind?“ Ich beschließe, eine Email an die nette Dame zu schicken. Die Antwort kommt schnell.

„Irgendwelche Kinder“, sagt die nette Dame.

„Die Kinder sind geboren, als ich bei Ihnen versichert war, die müssten doch in Ihren Akten sein“

„Tut mir leid, die Vorschriften…“, bedauert die Dame.

„Die Kinder waren, bevor sie erwachsen wurden, auch alle bei Ihnen familienversichert“, versuche ich zu diskutieren.

„Vrschrftn“, murmelt die Dame, und lässt aus Gründen der Zeitersparnis die Vokale weg. Ich gebe und lege auf und schreibe meine Kinder über Whatsapp an:
„Seid ihr noch bei denen versichert?“

Zwei von ihnen sind es und schicken mir Fotos von ihren Versichertenkarten.

„Sollte reichen“, denke ich, „es muss denen doch klar sein, dass niemand mit meinem Nachnamen mir Fotos von Versichertenkarten schickt, wenn er nicht irgendwie mit mir verwandt ist. Ganz abgesehen davon, dass ich auch sämtliche sonstigen Daten liefern kann, wie Adresse, Geburtstdatum und Dauer des Tragens der Zahnspange als Teenager.“ Und ich sende die Bilder per Email, denn über die Homepage geht das nicht.

„Vooorschriiiiften“, nörgelt die gar nicht mehr nette Dame mich in ihrer Antwort an und benutzt dieses Mal alle Vokale, die sie bei den letzten Versicherten, die so schrecklich nervig waren wie ich, eingespart hat. „Senden Sie mir doch einfach die Geburtsurkunden!“

Meine Kinder sind erwachsen, ich habe ihre Geburtsurkunden nicht bei mir. Die brauchen sie selber, zum Beispiel, wenn sie zufällig mal heiraten wollen, ein Konto einrichten oder sich bei einer Krankenkasse versichern wollen.

„Dann schicken Sie mir doch den Kindergeldbescheid“, schlägt die Dame vor. Ich habe irgendwo Kindergeldbescheide, sicher. Die sind viele, viele Jahre alt, ordentlich in Kartons verstaut und befinden sich 500 Kilometer von hier entfernt. Alles, was ich von meinen Kindern hier habe, sind Fotos, Whatsappverläufe, eine Waschmaschine sowie einige zwanzig Jahre alte, schief und krumm getöpferte Aschenbecher. Ich bin nicht sicher, ob die Whatsappverläufe das Verwandtschaftsverhältnis belegen können, aber die Aschenbecher doch bestimmt? Als lebenslanger Nichtraucher bekommt man NUR von seinen Kindern selbstgetöpferte Aschenbecher. Ja, okay, von den Enkeln auch, aber um Enkel zu haben, muss man ja irgendwann mal Kinder gehabt haben. Aber mit der Logik versuche ich es gar nicht erst. Ich schreibe stattdessen meine Söhne an: „Habt ihr eure Geburtsurkunden irgendwo in der Nähe?“

„Muss mal gucken“, kommt dreimal zurück. Einmal mit dem Zusatz: „Ich suche mal, wenn ich nicht dauernd einschlafe. Die Babys waren die ganze Nacht wach“. Das klingt nicht sehr hoffnungsvoll.

Ich habe den Verdacht, dass es noch ein wenig dauern kann, bis ich alles mit der Krankenkasse geklärt habe…

Urlaubsgefühle

„Wohnen, wo andere Urlaub machen“ ist ein von uns immer mal wieder benutzter Spruch. Und die Gegend hier ist auch wirklich schön, damit hat das leichte Durchschimmern von Sarkasmus gar nichts zu tun. Es ist eher, ich muss es zugeben, das etwas abgewandelte: „Wohnen, WIE andere Urlaub machen“, das uns bei diesem Spruch nicht in Begeisterung, sondern eher in leicht augenverdrehendes Grinsen ausbrechen lässt. Ein typischer „Leben wo andere Urlaub machen“-Moment kam schon gleich am Anfang, als wir die Wohnung damals besichtigten. Der Weg war uns beschrieben worden als „…und dann in den Wald, und von da die kleine Seitenstraße, und von der geht ein winziger Trampelpfad ab, da fahren Sie dann hoch…“. Bevor wir den Trampelpfad entdeckten, flog uns ein Milan beinahe in die Windschutzscheibe. Wir haben nie herausgefunden, ob er kurzsichtig, lebensmüde oder lediglich bescheuert war. Vielleicht wollte er auch einfach nur mitteilen, dass wir in SEIN Revier eingedrungen waren, ich weiß es nicht, aber seit damals ist „Leben, wo andere Urlaub machen“ ein von uns vielzitierter Spruch. Im normalen Leben fliegen Milane nicht in Windschutzscheiben. Sowas passiert nur im Urlaub.

Zu diesem Urlaubsalltag gehört auch dieses gewisse Gefühl, wenn man in eine Ferienwohnung kommt und entdeckt, dass es für vier Personen nur drei Gabeln, zwei Teelöffel und eine kleine, leicht angerostete Pfanne gibt, und das Klopapier nicht über die Nacht reichen wird. Im Normalfall zieht man gleich am nächsten Tag los, kauft Besteck, Töpfe und Klopapier und nimmt das alles am Ende des Urlaubs mit nach Hause, wo man dann beim Anblick des nicht zur Restausstattung des Heimes passenden Bestecks immer an den tollen Urlaub in „Weißt du noch“ denken muss. So ähnlich ist das hier auch. Zwar habe ich in meinem vorigen Leben alles besessen, was man so an Standmixern, Kommoden und Klobürsten besitzen kann, aber das befindet sich in Hamburg, und weil mein Sohn da auch lebt, habe ich es nicht einfach mitgenommen. War schon schlimm genug, dass ich auf den Handmixer bestanden habe und das Kind den (natürlich! Ausgerechnet den!) am nächsten Tag verzweifelt suchte. Als wir dieses Mal da waren und ich noch ein paar meiner Sachen einpackte, die mir hier wirklich, wirklich fehlen, habe ich in meiner Verzweiflung nicht den Standmixer mitgenommen, sondern eine nie benutzte Nudelmaschine. Auch so ein „Leben, wo andere Urlaub machen“-Gadget. Im normalen Leben mache ich Nudeln nicht selber, aber hier? Mal gucken.

Manchmal allerdings kommt hier schon so ein „Wir sind Zuhause“-Gefühl auf. Das merkte ich, als ich mich auf den Weg zu „meiner“ Brombeersammelstelle machte. Das merkte ich, als ich mich auf der Straße stundenlang mit der Nachbarin unterhielt und jetzt bestens informiert bin über ihren Mann, ihren Sohn, die Schwiegertochter und das Haus der Nichte. Ich merke es, wenn ich die Hunde in der Nachbarschaft alle mit Namen kenne und wenn ich weiß, wer wieder abgehauen ist, wenn es unten im Tal „Tooooony“ schallt. Und vorhin lag in unserem Briefkasten Werbung. Die erste, seit wir hier wohnen.

Das kann nur eins bedeuten.

Wir gehören jetzt dazu.

Geschafft!

Meine Oma-Gedächtnismarmelade ist fertig.

Auf dem einen Bild ist nicht etwa eine Brombeere zu sehen, sondern irgendwas, was man vermutlich besser nicht essen sollte. Obwohl die Piekser auch nicht schlimmer sind als die der Brombeerbüsche. Dafür ist das Ganze aber auch garantiert bio…

Mit Erinnerungen ist das ja oft so eine Sache – manchmal ist es besser, sie einfach ruhen zu lassen, weil aufgewärmte Erinnerungen ein bisschen fade sein können. Meine Buttercremetorte schmeckt beispielsweise nicht wie Omas, ebensowenig mein Grünkohl oder die Ente.  Bei Brombeermarmelade ist das nicht der Fall. Die schmeckt immer noch. Genau wie früher.

 

Sendungsverfolgung

Meine neue Waschmaschine ist unterwegs zu mir. Früher wurde einem gesagt, ja, die kommt heute irgendwann zwischen morgens und abends; nehmen Sie sich den Tag frei, und am besten den Tag danach auch, falls es doch nicht klappt. Und wenn es doch klappen sollte, können sie immerhin den ganzen nächsten Tag Wäsche waschen, nicht wahr? Aber wir leben ja im Zeitalter des Internet, und ich kann per Live-Tracking verfolgen, wo sich meine Waschmaschine gerade befindet. Als ich heute morgen verschlafen auf mein Handy guckte, war sie schon unterwegs, und dreizehn Kunden trennten uns, meine Waschmaschine und mich, noch voneinander. Außerdem ungefähr eine daumenbreite Wegstrecke (mein Handy hat ein kleines Display). Inzwischen sind es nur noch elf Kunden, und die Waschmaschine hat sich zehn Pixel auf mich zubewegt. Echt spannend.

Interessanterweise waren die Fahrer mit Kunde „Dreizehnvormir“ viel schneller fertig als mit „Zwölfvormir“. Woran das wohl lag? Hat „Dreizehnvormir“ den Einbau etwa nicht mitgebucht, oder hat „Zwölfvormir“ gar keine Waschmaschine bestellt, sondern einen Herd? Wenn die Fahrer eine Waschmaschine einbauen können, heißt das, sie können auch einen Herd einbauen?

Bei „Elfvormir“ hat es auch ziemlich lange gedauert, oder aber die Fahrer haben bei Serpentine 56 (da, wo die Aussicht so schön ist) eine kurze Pause gemacht, um zu rauchen und mal hinter einen Busch zu gehen. Ich bin fast sicher, das könnte es sein, denn ich konnte zehn Minuten lang gar nicht sehen, dass sich der Wagen vorwärts bewegte, und das, obwohl bei Serpentine 56 gar keine Häuser sind. Die können da nichts abgeliefert haben. Aber he… plötzlich hat der Wagen einen Sprung gemacht (ich hoffe doch sehr, die waren vorsichtig mit meiner Waschmaschine!) und ich habe „Zehnvormir“ gar nicht mitbekommen. Was hat „Zehnvormir“ geliefert bekommen, dass das so schnell ging? Stand der glückliche Neuwaschmaschinenbesitzer schon in der Tür und sie haben ihm das Gerät nur in die Hand gedrückt? Oder fahren die auch Bücher aus (und das Vorlesen wurde nicht mitgebucht)? Oder vielleicht hatte „Zehnvormir“ keine Ahnung, dass man die neue Waschmaschine per Live-Tracking verfolgen kann und er war ganz kurz nur mit seinem Hund draußen und hat die Lieferung verpasst? Und muss jetzt eine Woche warten, bis der Wagen mit seiner neuen Waschmaschine wieder kommt? Mein Hund jedenfalls darf jetzt erst mal nicht pinkeln, denn langsam kommt die Waschmaschinengeschichte in die heiße Phase. Nur noch neun Leute vor mir. Und der Laster ist auch schon wieder einen halben Millimeter an mich heran gerückt.

Aber Moooooment – was ist das denn??? Die Ankunftszeit hat sich um 10 Minuten verschoben. Nach hinten! Was ist passiert? Haben die es nicht geschafft, die Waschmaschine von „Neunvormir“ einzubauen? Hatte „Neunvormir“ einen Herd und die können nur Waschmaschinen und jetzt kotzt der Herd von „Neunvormir“ plötzlich Wasser aus? Oder hat die Zigarettenpause an Serpentine 56 doch länger gedauert? Ich bin am Überlegen, ob ich mich nicht beim Spediteur beschweren soll. Sowas geht ja gar nicht. Die rauchen und rauchen und ich kann nicht Wäsche waschen…

Sie sind immer noch bei „Neunvormir“ und es geht und geht nicht weiter. Obwohl… ich wette „Neunvormir“ ist eine alte Dame und hat den Fahrer und den Waschmaschinenanschließer zu Apfelkuchen eingeladen. Meine Oma hätte das gemacht. Ich denke, ich werde sie nicht beim Chef verpfeifen, weil das ja irgendwie süß ist. Aber ich glaube, Trinkgeld bekommen die nicht von mir. „Sie hatten ja schon Apfelkuchen bei der alten Dame hinter Serpentine 56“, werde ich zu denen sagen, und die brauchen gar nicht so verwirrt zu gucken. Ich weiß Bescheid.

Der Apfelkuchen ist gegessen und es geht weiter.

Nur noch acht Leute vor mir.

Live-Tracking ist so toll…

 

Die Jagd ist eröffnet!

Heute morgen goss es hier in unserem beschaulichen Dörflein wie verrückt. Als wir die Wohnung damals besichtigten, schlug ich vor, einen Schlauch von der Badewanne aus dem Fenster zu hängen, das Wasser anzustellen und das Tal zu fluten. So würden wir in wunderschöner Alleinlage wohnen – und das auch noch an einem See. Nun, heute morgen wurde mir klar, dass ich mir das Geld für das Wasser sparen kann. Die Natur bringt das auch ganz alleine fertig. Ich muss allerdings auch erwähnen, dass der beste Mann von allen möglicherweise nicht der vorausschauendste Mann von allen ist. Bei Starkregen das Autofenster offen zu lassen, ist nur eine semi-gute Idee. Es sei denn, man argumentiert, dass er er ALLER-vorausschauendste Mann von allen ist. Wo er sich Moment mitsamt dem Auto befindet, ist nämlich schönstes Sommerwetter, und da kann man dann einfach das Fenster IMMER NOCH geöffnet lassen und das Ganze wieder trocknen.

Der kleine Hund allerdings muss bei Regen und Sonnenschein raus, und da sich das Wetter dann doch für „Sonnenschein“ (und entspannte 34 Grad) entschied, schnappte ich mir Hund, Topf und eine lange Hose und begab mich in den Wald. Hier das Ergebnis (also nicht das, was der Hund gemacht hat, das habe ich vergessen zu fotografieren. Ich meine, das andere Ergebnis):

BrombeerenBrombeeren. Gut, sie reichen noch nicht für Marmelade (höchstens für ein ganz kleines Glas!) aber so für die ersten Brombeeren im Jahr ist das gar nicht so schlecht, finde ich. Ich hätte auch noch mehr davon pflücken können, aber einige Punkte sprachen dagegen:
a) Der kleine Hund, der furchtbar gerne hinter Rehen herjagen möchte, weshalb er an die Leine muss
b) die Rehe, die genau wissen, dass der kleine Hund an der Leine ist und aus dem Wald rauskommen um zu provozieren
c) mein Arm, der durch eine immer wieder ruckartig gezogene Leine dauernd in
c-1) Brennnesseln.
c-2) Dornen
gezogen wurde
Wobei man c) auch folgendermaßen umschreiben kann: Falsche Ausstattung. Ich benötige dringend
1) Gummistiefel
2) Hosen aus Stahlblech
3) eine Jacke, die keinen Dorn durchlässt, aber bei über 30 Grad im Schatten und einer Luftfeuchtigkeit von ca 100 % trotzdem frisch und luftig ist
4) einen artigen Hund. Ich meine, nicht dass sie nicht artig IST – sie will den Rehen gar nichts tun, aber wenigstens guten Tag sagen wird man ja wohl noch dürfen! Aber beim Brombeerenpflücken wäre ein Reh-sistenter Hund eine wirklich, wirklich gute Sache. Wir arbeiten daran.

Zudem wäre ein Boot nicht schlecht – die Waldwege haben sich in Schlammlawinen verwandelt.

Es hätten des Weiteren noch mehr Brombeeren sein können, wenn der kleine Hund die Rehe nicht irgendwann doof gefunden hätte und festgestellt hätte, das Brombeeren eigentlich auch gut schmecken. Nicht so gut wie Walderdbeeren natürlich, die zu ihrem großen Kummer plötzlich einfach verschwunden sind, aber immerhin akzeptabel. Wenn man sonst nichts bekommt (und Bulldoggen bekommen NIE was zu essen!) dann pflückt man eben Brombeeren und frisst die.

Übrigens sind das Rote da auf dem Bild nicht etwa unreife Brombeeren, sondern ein paar späte Himbeeren. Kann man ja nicht da lassen.