Fünf Minuten Zeit zum Erinnern

Mein Magen macht Ärger. Das ist nichts Neues. Ebenso wenig neu ist, dass ich in einem solchen Fall Kartoffeln vertrage. Und dass ich keine Lust habe, die zu kochen. Also probiere ich es gerade mit einem dieser handlichen Plastiktöpfchen, deren Boden bedeckt ist mit staubigen, entwässerten Kartoffen, über die man kochendes Wasser kippt, worauf etwas entsteht, das Ähnlichkeit mit dem hat, was man auch mit echten Kartoffeln und einem Kartoffelstampfer hinbekäme – wenn einem der Bauch nicht gerade weh täte.
Allerdings habe ich eine ganz gute Entschuldigung, warum ich 5-Minuten-Terrinen liebe – ich kann mich bis heute an die erste erinnern, die ich je gegessen habe. Das spricht jetzt nicht für die Qualität des Essens, sondern eher für die Qualität meines Gedächtnisses als Kind; ich habe bis heute kaum etwas vergessen, was mir damals irgendwie wichtig erschien.
Als ich die erste 5-Minuten-Terrine meines Lebens aß, muss ich wohl gerade im Teenageralter angekommen sein. Wir machten Urlaub in Bayern und kamen nach einem Tag voller Sonnenschein und Ruinen (Wir liebten Ruinen, auch wenn wir sie gnadenlos als „Urinen“ bezeichneten!) in unser Zimmer im Gasthof, und wir hatten Hunger. Auf irgendwas Tolleres als Brot. Kochen konnte man in diesem Zimmer nur Wasser, und genau das tat unsere Mutter dann auch. Es entstanden (mit viel Gekicher, weil das Zeug eine wirkliche Neuheit war und wir alle sehr gespannt darauf) durchaus essbare Nudeln mit Tomatensoße. Ich erinnere mich, dass mein Bruder und ich ziemlich beeindruckt von den Kochkünsten unserer Mutter waren (auch wenn ich heute, nach so vielen Jahren, doch ihr Kartoffelgratin vorziehen würde).

Inzwischen ist mein Gedächtnis längst nicht mehr so gut. Die Tage sind aber auch immer gleich, was soll man sich da anstrengen. Nur mein Schlüssel, der liegt nie da, wo er am Tag zuvor lag, und trotzdem mache ich mir nie die Mühe, mir seinen neuesten Aufenthaltsort zu merken. Aber es gibt auch Sachen, die ich nicht vergesse. Vorhin zum Beispiel, da wanderte ich durch den Garten auf der Suche nach dem, was andere Menschen wohl als „Unkräuter“ bezeichnen würden, was der Chillkröte aber als Frühstück gerade recht ist, und stellte fest, dass die Stachelbeeren reif sind.
Ich werde niemals wieder rote Stachelbeeren ansehen können, ohne daran zu denken, wie ich vor einigen Jahren mit meiner Oma und meinem Hund auf der Terrasse saß, und wir zusammen Stachelbeeren aßen, immer abwechselnd: Oma eine, Hund eine, ich eine. Ich fühlte mich so glücklich in dem Moment, dass ich mir nichts sehnlicher wünschte, als die Zeit anhalten zu können. Alles war gut, gerade jetzt, in diesem Moment. Ich wusste, das würde nicht immer so sein. Beide waren schon alt, Oma und auch der Hund, und irgendwann würden sie diese Welt wohl verlassen und zu einem anderen, spannenden Abenteuer aufbrechen. Und sie würden mir fehlen.
Und das tun sie; sie fehlen mir an jedem Tag, in jeder Stunde meines Lebens. Aber irgendwie ist es mir damals trotzdem gelungen, die Zeit anzuhalten, indem ich mir eine Erinnerung geschaffen habe, die niemals verschwinden wird. Und egal wo mich das Leben auch hin verschlagen wird – ich werde zusehen, dass es dort einen Stachelbeerbusch gibt.

Mein Kartoffelbrei ist fertig.

Guten Appetit.

Die Polizei…

…hat die Lage „anscheinend“ nicht mehr unter Kontrolle, sagte die Nachrichtensprecherin. Ja, scheint wirklich so. Und egal, was man von Trump und Konsorten halten mag, niemand kann mir erzählen, dass das Abfackeln von Kleinwagen mit „Chantalle an Bord“-Aufklebern irgendwie politisch motiviert ist. Das sind einfach nur Arschlöcher, und ich hoffe, sie werden irgendwann in der Hölle schmoren.

Diese (einzelnen, nicht die Zusammenfassung) und andere Videos habe ich auch schon per Whatsapp auf mein Handy bekommen. Geht um im Moment hier in Hamburg.

So, politischer Ausraster beendet. Morgen schreib ich wieder über Kaninchen.

 

Buchstaben zum Anfassen

Gestern hatte ich frei. Nicht die Sorte frei, wo ich dringend Wäsche waschen muss, und die Fenster könnte man auch mal wieder putzen – beides erübrigte sich bei dem Wetter – und ich dachte, ich habe so richtig Lust, mal rauszukommen. Irgendwie fand mein Leben gerade ziemlich doof und hatte es nötig. Aber dann musste ich feststellen, dass ich nicht nur alles doof fand, sondern auch das Wetter, und ich konnte mir nicht vorstellen, bei dem Regen einen Strandspaziergang zu machen, was ich eigentlich so heimlich favorisiert hatte. Also blieb ich zu Hause.

Dafür habe ich heute was Schönes gemacht. Also, das Wetter ist immer noch nicht so viel besser (und ich habe Halsweh, weil ich mich trotzig geweigert hatte, der Kälte Respekt zu zollen und einen dicken Pullover anzuziehen – ich meine, halloooo… wir haben SOMMER!), aber ich hatte einen Gutschein für eine Buchhandlung, und da war ich vorhin, bestimmt fast eine Stunde lang, wie ein Kind im Spielzeugladen all die phantastischen Möglichkeiten abwägend, die sich mir da boten, immer auf der Suche nach dem einen Buch, in dem man sich wieder erkennt, nur dass das Leben auf den Seiten doch bitte einen Tick schöner sein soll.

Ich hatte ganz vergessen, wie mir das gefehlt hat, dieses Blättern in Seiten, das kurze Anlesen, wieder verwerfen, dann ein neues Buch auszusuchen (weil da ein grüner Frosch auf dem Einband ist) und es dann doch wieder zurücklegen mit dem Gedanken „ich merke es mir. Vielleicht wird es dieses Buch“.

Ich liebe meinen Ebookreader, kein Zweifel, und lese viel damit. Aber das Gefühl ist doch einfach ein ganz anderes. Ich glaube, ich lese irgendwie gehetzter, ohne die Möglichkeit, noch einmal zrückzublättern und besonders gute Stellen nochmal zu lesen (weil das ewig dauert. Bei den Büchern, die ich liebe, schlagen sich meine Lieblingsstellen von ganz alleine auf). Bei meinen Papierbüchern kann ich zurückblättern, und ich tue es auch. Und ich erinnere mich anders an diese Bücher. Ich weiß genau, in welcher Schriftart meine Lieblingsstellen geschrieben wurden, wie sich das Papier anfühlt – und auf welcher Seite die richtig guten Stellen stehen. Das alles fehlt mir wirklich bei den Ebooks.

Ich habe mich für zwei Bücher entschieden – hauptsächlich deshalb, weil ich mich sonst gar nicht hätte entscheiden können. Ich bin sehr gespannt, ob die beiden neue Lieblingsstellen enthalten werden.

Ich freue mich.

Hundkunst

Gestern hatte ich frei. Also, so richtig frei, nicht diese Sorte frei, wo man dann alles Mögliche macht und dann abends ganz erschöpft ist und sich fragt, wo der Tag hin ist. Das ist bei mir eigentlich das normale „Frei“. Aber nicht gestern. Gestern habe ich mir endlich mal Zeit genommen – und etwas gemacht, was ich bestimmt seit meiner Grundschulzeit nicht mehr gemacht habe, nämlich an einer Linoleumplatte herumgeschnitzt und das Ganze dann gedruckt.

Das hier war der erste Versuch – mir sind danach noch ein paar bessere Drucke gelungen, aber ich mag das Foto. Es spiegelt exakt den Zustand meines Schreibtisches wieder, wenn ich so richtig frei habe:
DSCI0421

Dieses Foto ist für meinen Bruder, der ab und zu keine Lust hat, zu arbeiten, und dann auf dieser Seite landet und guckt, ob ich was Neues geschrieben habe. Ich hoffe, es entlockt ihm ein Lächeln…

 

Ich würde gerne antworten…

…aber WordPress lässt mich nicht. Ich habe bei einigen Leuten keine Chance, auf irgendeinen Antworten-Button zu drücken, weil da gar keiner ist – weder direkt bei den Kommentaren zu meinem letzten Eintrag, noch da rechts in der Kommetar-Übersicht. Interessanterweise kann ich mir größtenteils selber antworten, aber anderen Kommentatoren eben nicht. Keine Ahnung, was WP damit bezwecken will. Vielleicht haben sie gerade die  „Wir fördern Selbstgespräche“-Woche ausgerufen oder so. So richtig klasse finde ich das trotzdem nicht.
Also, fühlt euch bitte nicht übergangen. Ich bin in Gedanken bei euch, bei euren Schafen und sonstigen Haustieren (ach ja, und an Kurzschluss: Dein Hund ist nicht dumm, der ist alternativ-intelligent!).
LotF
P.S. Das Problem hatte ich schon öfter. Manchmal verschwindet es. Meistens…
…nicht…

Rasenmähen ist nicht wirklich toll

Neulich las ich einen Zeitungsartikel darüber, wie man ungeliebte Alltagsarbeiten so umfunktioniert, dass man nicht das Gefühl hat, sie würden einem Zeit stehlen. So sei es zum Beispiel, so der Verfasser (bei dem es sich eigentlich um eine Verfasserin handelte), sinnvoll, beim Abwaschen zu meditieren. Damit könne man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Sauberes Geschirr und innere Ruhe in einem… ähm… naja, Abwasch sozusagen  – wer würde das nicht wollen?
Tatsächlich hätte es nicht dieses Zeitungsartikels bedurft, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass man immer mal zwischendurch meditieren kann. Eigentlich mache ich das schon seit Jahren. Wann immer ich ein besonders aussagenloses, um nicht zu sagen dämliches Gesicht mache, ist das eigentlich Meditation, jawohl. Beim Rasenmähen zum Beispiel. Das ist wirklich und wahrhaftig eine Tätigkeit, die nicht auszuhalten ist, ohne dass man heftig und sorgfältig meditiert. Statt allerdings „Om“ als Mantra zu benutzen oder gar das noch aussagekräftigere „Om mani padme hum“ (ein Mantra, von dem mein Opa damals steif und fest behauptete, es hieße übersetzt „Sei gegrüßt, du kleiner Idiot in der Lotusblüte“) murmele ich alle paar Meter „Scheißrasen“ oder auch „Verdammter Scheißrasen“, wann immer ich ein sechssilbiges Mantra benötige (welches traditionsgmäß die sechs im Buddhismus angestrebten Vollkommenheiten symbolisiert). Manchmal halte ich auch in meiner meditativen Betrachtung inne (immer dann, wenn ich den Auffangkorb ausleeren muss zum Beispiel) und erinnere mich, mit welcher Begeisterung der Gatte dereinst den Rollrasen auslegte und ihn hegte und pflegte – ungefähr zehn Minuten lang. Dann entdeckte er das erste Unkraut und verlor das Interesse an seinem Projekt. Das ist Jahrzehnte her. Inzwischen ist aus der sattgrünen Rasenfläche eine nicht minder grüne Moosfläche geworden, auf welcher sich sämtliche Unkräuter tummeln, von denen je ein Mensch gehört haben mag. Sag mir ein typisches Rasenunkraut und ich bin sicher, in meinem Garten findet es sich. Manchmal mache ich mir den Spaß und benenne die Unkräuter, während ich in ihnen meine Schneisen mit dem Rasenmäher ziehe, aber im Normalfall gehen mir spätestens bei Unkraut Nummer zwanzig die lateinischen Namen aus und ich schwenke um zu den altbekannten urdeutschen Unkrautnamen, wie „Leckeres Schildkrötenfutter“ oder „Gemeines Piekdings“ (man sollte nicht mit bloßen Füßen darauf treten!).
Nach anderthalb Stunden tiefer Meditation bin ich dann im Allgemeinen schweißüberströmt, von oben bis unten mit Dreck beschmiert und habe einen ausgewachsenen Hass auf alles, was grün ist. Ich bin mir nicht völlig sicher, ob das der ursprüngliche Zweck einer Meditation ist, aber so wirkt sie bei mir.

Übrigens: als gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts die ersten Geschirrspülmaschinen für Privathaushalte auf dem Markt kamen, verkauften die sich extrem schlecht. Man hatte angenommen, die bis dato zum Geschirrspülen verdonnerten Frauen (Männer konnten diese Tätigkeit aufgrund genetischer Indisposition damals nicht ausüben) würden sich auf das neue Gerät schmeißen, da es ihnen Arbeit abnahm, aber das Gegenteil war der Fall. Schließlich kam man auf die naheliegende Idee, die Frauen einfach zu fragen, warum sie die neue Erfindung nicht akzeptierten. Die Begründung war so simpel wie logisch: „Die Zeit, die ich mit den Händen im warmen Seifenwasser verbringe, um Teller zu reinigen“, so die Frauen, „ist die einzige Zeit des Tages, die ich ganz für mich alleine habe“.

Die kannten sich aus, die Damen damals…