Noch ein Laden

Die Geschichte der Läden in meiner Kindheit wäre nicht perfekt ohne „Lohmann“. Lohmann war kein Geschäft in meiner Heimatstadt; es war ein Laden in dem Dorf meiner Oma. Es war nicht der einzige Laden; es gab da noch ein Fahrradgeschäft, einen Schlachter und eine Molkerei, aber es war das Geschäft, in dem es alle Dinge gab, die man so für das tägliche Leben benötigte, von Brot, Käse und Waschpulver über Einmachringe bis hin zu Porzellanvasen und Plastiklöffeln. Lohmann war keiner dieser Tante-Emma-Läden; es war im Gegenteil ein richtiger Supermarkt, wenn auch in Miniaturformat. Warum ich ihn liebte, hatte gleich mehrere Gründe, und der wichtigste dieser Gründe war die Milch. In der Stadt kam die Milch aus Plastikkartons. Ich ging nicht so weit, zu glauben, dass sie da wuchs (schließlich trieb ich mich mit Vorliebe in den Ställen im Dorf herum und wusste das besser) aber für mich war es klar, dass es Stadtmilch gab – und Landmilch. Und diese Landmilch holte ich bei Lohmann. Zu diesem Zwecke wurde mir von Oma eine der blechernen Milchkannen in die Hand gedrückt, und ich machte mich auf den Weg.

Lohmann war ein Familienbetrieb. Während die jüngere Generation Waren auffüllte und an der Kasse bediente und Opa Lohmann draußen in der Sonne auf seiner Bank saß und tief und fest… nachdachte… (eine sehr wichtige Tätigkeit) war die Milch das Refugium von seiner Frau. In ihrer geblümten Kittelschürze stand Oma Lohmann da und schöpfte mit ihrem Halbliter-Messbecher die gewünschte Menge Milch aus der großen Kanne in meine mitgebrachte Blechkanne. Kaum war ich wieder draußen, trank ich erstmal einen Schluck Milch. Oma hatte mir beigebracht, Milch aus dem Milchkannendeckel zu trinken, und noch heute bin ich der Meinung, das ist die einzige Methode, wie man Milch trinken kann – anders schmeckt sie mir nämlich nicht.

Ich habe kaum jemals etwas anderes bei Lohmann gekauft als Milch. Für die alltäglichen Besorgungen fuhr Oma in die Stadt, das war billiger. Nur meine Meinung über Stadtmilch und Landmilch teilte sie offenbar.

Später dann wurde Oma Lohmann mitsamt ihrer Kittelschürze und dem Halbliter-Messbecher aus hygienischen Gründen gegen eine Milchzapfanlage umgetauscht. Fortan saß sie neben ihrem Mann in der Sonne, oder sie jätete Unkraut. Noch später dann war selbst die Zapfanlage zu altertümlich. Die praktischen und hygienischen Tetrapacks ersetzten den Anachronismus, und Lohmann verlor fortan jeden Reiz, nicht nur für mich, sondern auch für Oma.

Vor ein paar Jahren wollte ich von einem Besuch bei Oma nach Hause fahren und kam an „Lohmann“ vorbei. In dem alten Haus, in dem der Supermarkt früher war, befindet sich schon seit vielen Jahren ein Küchenstudio. Familie Lohmann aber hat neu gebaut und gehört jetzt mitsamt ihrem Supermarkt zu einer bekannten Kette. Ich hielt kurz auf dem Parkplatz und ging hinein, um mir etwas zu trinken für die Fahrt zu holen. Ich hatte irgendwelche nostalgischen Gefühle erwartet, aber da war nichts – Lohmann sah aus wie jeder x-beliebige Supermarkt. Fremde Leute an der Wursttheke, glänzende neue Einkaufswagen, auf denen nicht „Lohmann“ stand, sondern der Name der Ladenkette. Aber dann kam ich in die Milchabteilung. und da stand eine Milchzapfanlage, chromblitzend und sauber, für frische, echte Landmilch, in bereitgestellte Glasflaschen abzufüllen.

Ich habe sie nicht gekauft. Milch, die nicht aus verbeulten Blechkannen in angedellte Blechdeckel gegossen wird, schmeckt mir nicht.

Aber irgendwie habe ich mich doch wieder ein wenig wie zuhause gefühlt…

 

 

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6 Gedanken zu “Noch ein Laden

  1. Man bedauert spontan, dass Oma Lohmanns Messbecher durch die hygienische Milchzapfanlage verdrängt wurde. Aber diese Idealisierung ist gewiss falsch, wenn du mit Oma Lohmann auch schöne Kindheitserinnerungen verknüpfst. Die Fülle der Hygienemaßnahmen führt vermutlich mit dazu, dass die Menschen immer älter werden und nicht frühzeitig an irgendeiner blöden Infektion sterben, wobei die Landbevölkerung ja in ihrem Mikrokosmos gut zurecht kam und sicher gegen die Keime des eigenen Umfelds genug Abwehrkräfte hatte. Aber der Mikrokosmos steht ja in Zeiten der Globalisierung in alle Richtungen offen.

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    1. Nachdem Oma Lohmann weg war, haben wir die Milch direkt beim Bauern geholt, völlig unbehandelt. Ich erinnere mich, dass einmal eine der Katzen in die große Kanne fiel. Otto (der Bauer) holte sie raus (ich stelle mir immer vor, dass Otto sie ausgewrungen hat, aber ich bin mir da nicht sicher) und die Milch trotzdem an den Straßenrand zum Abholen stellte. Ich mochte Milch nie, aber überlebt haben wir das schon, ja…

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  2. Ich kann mich beim Thema Lohmann erst an die Zeiten erinnern, als die bereits ein richtiger Supermarkt waren. Milch habe ich da nie gekauft – dafür aber meine YPS-Hefte. Wie habe ich die geliebt. Das Dumme war das Timing. Wir waren immer am Wochenende da, aber YPS kam (glaube ich) Montags raus. Wenn man Pech hatte, war es längst vergriffen.
    YPS ist in gewisser Weise aber symptomatisch für all das, was du über Tante-Emma-Läden und Supermärkte schreibst: Wenn man heute in der Zeitschriftenecke nachsieht, entdeckt man Dutzende von Kinderzeitschriften, die alle irgendwelche „Gimmicks“ dabei haben. YPS ist nichts Besonderes mehr und kann wohl deshalb heute auch nicht mehr funktionieren. Das einzig Besondere an Tante-Emma-Läden ist der persönliche Kundenkontakt, aber der wiegt nicht die Tatsache auf, dass „Geiz geil ist“! Was für eine Sch***welt…

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  3. Ich kenne einen Lohmann, der sieht aus wie Hulk Hogan. Frisur, Bart, durchtrainiert. Aber echt klein. Deshalb nennen ihn alle „Halb Hogan“. Hat mit dem Thema nix zu tun (obwohl mir da auch Sachen einfallen ohne Ende was Läden und vor allem Trinkhallen betrifft), aber fiel mir so ein.

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