Zigaretten und Kopfrechnen

Die Läden meiner Kindheit“ schreibt Jules, und obwohl ich schon ziemlich mittelalt bin, kommen da sofort Erinnerungen hoch. Vielleicht ist das auch gerade deshalb so: weil ich alt genug bin um den Unterschied zu sehen zwischen der immer gut gelaunten Kassiererin von LIDL, dem Nervbratz, der bei ALDI an der Kasse sitzt und den ich den ganzen Tag nicht leiden kann (entschuldige, aber der… nee, ehrlich!!!), und nicht zuletzt mir, die es mich aus unerfindlichen Gründen in den Einzelhandel verschlagen hat, und jenen Geschäften, in denen wir als Kinder unsere Groschen ließen – eine Währung, die es natürlich inzwischen auch nicht mehr gibt.

Obwohl… natürlich gab es auch damals die anderen Läden, die, in denen der wöchentliche Großeinkauf stattfand, für alles, was man so in der Woche zu verbrauchen gedachte, inklusive Klopapier und Riesenpackungen Persil, das eben doch noch weißer als weiß wusch, und ich glaube, die Verkäuferinnen in jenen Geschäften waren wohl auch nicht anders als die heutigen. Ich erinnere mich nicht mehr. Sie waren wohl nicht wichtig. Es sind die kleinen Läden, die mir als wichtig und daher als Kindheitserinnerung im Gedächtnis geblieben sind. Die, zu denen mal geschickt wurde mit den Worten „Geh mal fix ne Packung Zigaretten und ein Bier holen, dafür kannst du dir noch ne Ahoi-Brause kaufen“ und dann trabte man los, das Geldstück fest in der verschwitzten Hand haltend und erhaben von dem höchst wichtigen Gefühl, gebraucht zu werden und nichts ahnend, dass ein solcher Satz, zu einem Kind gesagt, nur wenige Jahrzehnte später höchstens verwirrtes Stirnrunzeln hervorrufen würde. Kinder bekommen keine Zigaretten und kein Bier mehr ausgehändigt, und Ahoi-Brauche gibt es nur noch im 10er-Pack.

Einer der ersten Läden, zu denen ich alleine gehen durfte, befand sich an der Straßenecke, so dass ich die gefährliche Fahrbahn nicht überqueren musste. Er war klein, winzig geradezu, aber es gab alles, was man so brauchte und beim Großeinkauf vergessen hatte. Klopapier zum Beispiel, nicht in unhandlichen Zehnerpackungen, sondern eine oder zwei Rollen, geschmackvoll in geblümtes Papier eingewickelt statt in Plastiktüten, und das zum gleichen Preis wie die Großpackung (aber es gab eben Momente, wo man nicht umhin konnte, dieses Klopapier zu kaufen!), aber natürlich auch alles andere. Selbstverständlich kannte man sich und wurde mit Vornamen begrüßt, und das über Jahrzehnte hinweg. Schließlich lag dieser Laden auch noch genau neben unserem späteren Gymnasium, und in den Pausen konnte man sich schnell mal Schokolade kaufen – was wir auch ausgiebig taten. Mir fällt gerade ein, dass ich damals noch fünfzig Gramm Schokolade essen konnte (meine Freundin und ich teilten uns immer eine Tafel), ohne gleich zwei Kilo zuzunehmen. Man… selbst die Schokolade war damals irgendwie anders…

In diesem Laden gab es noch etwas, das heutzutage verloren gegangen ist: Man konnte „anschreiben lassen“. Wir haben das nie getan, aber ich kannte Leute, die das taten und es faszinierte mich immer sehr. Ich glaube nicht, dass ich noch einen Laden kenne, in dem man anschreiben lassen kann.

Aber der Laden, dem sämtliche Kinder unseres Stadtteils am meisten zu verdanken haben, war das kleine Milchgeschäft, das einige hundert Meter von der Grundschule entfernt lag. Wie all diese kleinen Geschäfte wurde es mit dem Nachnamen des Besitzers benannt. „Wir gehen zu Müllers“, sagte man, die Aufschrift „Kolonialwaren und Milchprodukte“ geflissentlich missachtend – besonders weil wir keine Ahnung hatten, was Kolonialwaren eigentlich waren. Die Besitzerin auch nicht, glaube ich. Die Aufschrift mag doch einige Jahre älter gewesen sein als Frau Müller. Was sie aber verkaufte waren lose Süßigkeiten aus großen Gläsern. Man öffnete die Holztür, die darüber angebrachte Bimmel begann wild hin und her zu schwingen und aus den geheimnisvollen Gemächern hinter dem Geschäft erschien Frau Müller, bereit, uns mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

„Ich hab noch dreizehn Pfennige, was kann ich mir dafür kaufen?“, fragte man, und sie machte, abhängig von den Vorlieben des Kindes (die sie natürlich kannte) Vorschläge: „Traubenzucker magst du ja nicht so, aber du kannst fünf von den Lakritztalern für zwei Pfennige haben und dann bleiben noch drei Pfennige, dafür bekommst du drei Esspapiere.“ Die Entscheidung fiel manchmal enorm schwer und mag die gute Frau so manchen Nerv gekostet haben, aber ich habe nie erlebt, dass sie die Geduld verloren hätte. Ich habe auch nie erlebt, dass sie einem Kind nicht die perfekt zum Geld passenden Süßigkeiten gegeben hätte. Wenn ich ehrlich bin, dafür bewundere ich sie fast noch mehr als für ihre Geduld: dass sie nicht aus Mitleid einem Kind ein paar Lakritztaler mehr in die Tüte steckte, sondern sie herausfinden ließ, wieviel und was man für das Geld bekam und es dann zu verkaufen. Wir gingen immer voller Stolz mit unseren Tütchen aus dem Laden. Diese Süßigkeiten waren keine Willkür der Erwachsenen. Wir hatten sie uns verdient. Vielleicht machte Frau Müller deshalb alles richtig, weil sie selber zwei Kinder hatte, ich weiß es nicht (ihre Tochter ging in meine Klasse), aber Tatsache ist, wir haben bei ihr alle Kopfrechnen gelernt, jedes einzelne Kind im Stadtteil, und das vermutlich mit weitaus mehr Interesse mehr als während der gesamten ersten Klasse. Zwei mal fünf plus drei, wen interessierte das schon. Aber fünf Lakritztaler und dazu drei Esspapiere, das machte Sinn.

Übrigens, es gibt diese kleinen Läden heute noch. Nur heißen sie nicht mehr „Müller“. Stattdessen gehen wir zu „unserem Türken“, dessen Namen wir sicherheitshalber gar nicht erst auszusprechen versuchen, und der die Lollis und Weingummischlangen auch lose verkauft. Und der, wenn man die Stirn in tiefe Sorgenfalten legt, fragt, ob zuhause auch alles in Ordnung ist.

Ich weiß nicht, ob „Müllers“ (die in Wirklichkeit ganz anders hießen) überhaupt noch existiert. Wenn ich das nächste Mal in meinem alten Stadtteil bin, fahre ich mal vorbei und gucke nach. Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass da immer noch jemand hinter dem Tresen steht und mit einer Engelsgeduld kleine Kinder bei ihren Investitionen berät. Das kann sich nicht lohnen – vermutlich haben sich unsere dreizehn Pfennige schon damals nicht gelohnt. Ich nehme auch an, dass die Kinder von heute es gewohnt sind, von Muttern Zehnerpackungen Ahoi-Brause zu bekommen und sich mit solchen Kinkerlitzchen wie fünf Lakritztalern gar nicht erst abgeben würden.

Aber es ist eine schöne Erinnerung…

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7 Gedanken zu “Zigaretten und Kopfrechnen

  1. Auch Du hast ein wunderbar warmes Gefuehl wieder aufleben lassen wie Mitzi und Jules. Ich erinnere mich auch an das Buedchen an der Ecke, in dem man seine kleine Tuete mit selbst zusammengestellten Suessigkeiten kaufen konnte. Und das Negerkussbroetchen,als man es so noch nannte😉

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  2. Dankeschön für deine wunderbare Schilderung. Mir gefällt, dass du mit den unpersönlichen heutigen Märkten kontrastierst. Dein Rechenwerk bei den Süßigkeiten von Frau Müller hat mich beeindruckt und an vieles erinnert, was verschütt war, an die Ahio-Brause und an Negergeld beispielsweise. Man war nicht zimperlich damals bei den Bezeichnungen wie Mohrenkopf, Negerkuss, Negergeld. Da sind wir heute deutlich sensibler, tilgen das alles aus dem Sprachgebrauch, lassen aber zu, dass Afrikaner im Mittelmeer ersaufen. Die Sprachkosmetik verweist aber auf einen Wandel der Einstellung, dem hoffentlich Taten folgen. „Kolonialwaren“ zeigt doch an, woher der Reichtum des Landes stammt, nämlich aus der Ausbeutung der Kolonien.

    Doch das Positive in deinem Text soll nicht vergessen sein, der menschliche Kontakt im Einzelhandel und dass man sich noch Zeit nehmen konnte, auf die kleinen Wünsche von Kindern einzugehen.

    Beste Grüße und schönen Tag,
    Jules

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  3. …und anschreiben lassen kann man auch noch – zum Beispiel im Dorf „anne Tanke“, wenn Du dort Stammkundin bist jedenfalls (nicht das tanken, aber die Zigartetten oder das Kaugummi)
    Und auch beim Stamm-Kaffeeladen meiner Mittagspause hab ich schon meinen Kaffee bekommen, obwohl ich mein Portemonnaie in „meinem“ Laden (ja, ich arbeite auch im Einzelhandel) vergessen hatte

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