Nachdem ich ungefähr 1500 Mirabellen per Hand entkernt hatte, überkam mich mal wieder das Bedürfnis, ein Passiersieb zu besitzen. Das ist allgemein eine super Sache, aber besonders, wenn man an der Hand offene Wunden hat, in die der verdammte Mirabellensaft reinläuft, so dass man gezwungen ist, statt glücklich vor sich hinzusummen schreckliche Flüche auszustoßen. Außerdem war da immer noch das Problem der fehlenden Gläser. Aber zumindest dafür hatte ich eine Idee. Ich öffnete die örtliche Kleinanzeigen-Seite, um einen Wer-hat-Gläser-Aufruf zu starten. Und natürlich warf ich zuerst kurz einen Blick auf die anderen Anzeigen. Die erste Anzeige auf die ich stieß, lautete: „Passiersieb zu verschenken, gleich um die Ecke“. Ich jubelte begeistert los und fuhr nach Gleich-um-die-Ecke, um das Passiersieb abzuholen (im Tausch gegen Mirabellenmarmelade!). Die abzugebende Dame besaß außer dem Passiersieb auch dasselbe Auto wie ich sowie dieselbe Begeisterung für das alte, klapprige Ding, die auch mir zu Eigen ist. Statt Kurz-um-die-Ecke blieb ich daher Lang-um-die-Ecke, und wir quatschten über Mirabellen, Motorhauben und Verteilerkappen. Dann fuhr ich wieder nach Hause, wo ich endlich meine Anzeige aufgab. Ich schilderte mit viel Pathos, wie ich gläserlos und mit Tränen in den Augen vor meinen Pflaumenbäumen stand und… naja, oder so ähnlich. Jedenfalls muss es gewirkt haben, denn die Antworten ließen gar nicht lange auf sich warten. Die erste Nachricht war, man könne mir eine riesige Kiste voll per Post schicken (ich hatte „kostenlos“ und „in der Nähe“ erwähnt!), wenn ich denn den Versand übernähme, Preis anbei. Dafür hätte ich unten im Dorf neue Gläser kaufen können. Mit Goldauflage. Ich lehnte dankend ab. Die zweite Antwort lautete sinngemäß, das Problem kenne man gut, und sie (die antwortende Dame) habe genügend Gläser für uns beide (denn sie sei gerade am Pflaumen einkochen). Und ich könne kommen, sobald sie mit den Hunden vom Gassi zurück sei. Das klang vielversprechend. Pünktlich zur verabredeten Uhrzeit stand ich mit einer Tüte Mirabellen (sie sagte, sie habe keine, nur Pflaumen) vor ihrer Tür. Und begrüßte begeistert ihre Hunde (während meine sich im Auto versteckten). Und weil ich schon mal da war, bewunderte ich auch noch die Schafe (ich brauche echt welche!) und die Apfelbäume und den Pflaumenentkerner – ihrer ist cooler als meiner! – und bekam noch ein Stück frisch gebackenen Pflaumenkuchen angeboten. Ach ja, und Gläser gab’s auch; einen ganzen Karton voll. Ich kann jetzt ohne Probleme Pflaumenmus einkochen. Außerdem soll ich, wenn die Äpfel reif sind, wiederkommen und die auch noch mitnehmen (und bei der Gelegenheit noch ein paar Hunde knuddeln!).
Beim Gläser-Tragen half sie mir dann, und warf dann noch einen Blick auf meine Hunde. Es folgte die übliche Reaktion auf meinen Chihuahua: ein „Ist die niedlich!“ von ihr, und von ihrem Mann fassungslose Stille, weil a) zu klein und b) NIEDLICH??? IM ERNST???
Ich freu mich schon, wenn wir bei ihnen Äpfel ernten dürfen!
Manchmal ist es hier bei uns schon ein bisschen einsam. Aber ehrlich, die Kleinanzeigen sorgen außer für Haushaltsgeräte und Marmeladengläser auch noch für jede Menge tolle soziale Kontakte!