Manche Kinder finde ich toll. Den kleinen Jungen neulich auf dem Spielpatz zum Beispiel. Er war hochgradig autistisch, was unter anderem bedeutet, dass er keinen Kontakt zu anderen Menschen aufbaut. Ich unterhielt mich mit seiner Betreuerin, die ich seit vielen Jahren kenne. Unterdessen drehte der Kleine seine Haare und guckte in jede Richtung, nur nicht in meine. Und kam immer näher. Nach ungefähr drei Minuten saß er auf meinem Schoß. Wie kann man das irgendwie anders als toll finden?
Andere Kinder finde ich eher merkwürdig. Aber ich muss zugeben, das liegt meistens nicht an den Kindern, sondern an deren Begleitern.
„Kaggemäh, Kaggemäh!“, brüllte das Kind heute im Supermarkt, und ich dachte, verdammt, was will die kleine Kackbratze. Gib ihm doch sein Scheiß-Kaggemäh!
„Nee“, sagte die Oma, „Du kriegst kein Kaugummi, du bist noch zu klein dafür.“ Und ich dachte, wieso weiß dieses Kind dann, das in den runden Plastikpackungen Kaugummis drin sind? Wenn ich die Aufschrift nicht lesen könnte (und er konnte sie bestimmt nicht lesen), dann hätte ich nicht gewusst, was da drin ist. Es kann nicht sein, dass er noch nie Kaugummi bekommen hat.
„Ei?“, versuchte es das Kind.
„Oma hat noch Eis zu Hause“, erklärte die Oma, und mir kräuselten sich die Fußnägel bei der Verwendung der dritten Person Singular für sich selber. Wobei es natürlich sein kann, dass Oma gar nicht sich selber meinte, sondern die andere Oma des Kindes, und sie selber hatte gar kein Eis, keine Ahnung.
„Ei, ei, EIEIEIEIEIEIEIEIEIEIEIEIEI!“, brüllte das Kind. Ich bezahlte, und beim Verlassen des Geschäftes schallte mir die dritte Strophe des Liedes hinterher: „O-a, Kaggemäh, Kaggemäh, KAGGEMÄH!“
Manche Kinder stören das allgemeine Befinden doch beträchtlich.
Mein Sohn hat übrigens vor Kurzem sein Praktikum in dem Kindergarten gemacht, zu dem die Kindergartengruppe mit dem kleinen autistischen Jungen gehört. Es gibt zwei autistische Kinder dort. Das eine Kind wird sehr gefördert und „funktioniert“ ziemlich gut.
„Ich mochte ihn nicht besonders“, gab mein Kind zu. „Er ist eine autistische Nervensäge und ist furchtbar zickig. Die Eltern des kleinen Jungen auf dem Spielplatz aber wollen nicht akzeptieren, dass es hochgradig autistisch ist. Sie fördern ihn gar nicht und denken, das wird schon irgendwie. Der Kleine hat viel größere Probleme. Er geht auch angeblich nicht auf Menschen zu. Ich liebe dieses Kind. Sobald er merkte, dass ich da war, kam er zu mir und wir liefen Hand in Hand durch die Gegend oder er setzte sich auf meinen Schoß.“
Und ich dachte: Das ist mein Sohn, natürlich. Und natürlich sind die eigenen Kinder immer die tollsten. Vermutlich sogar die, die laut nach Kaggemäh brüllen…
Deine Kinder sind wirklich toll. Sie haben aber auch eine großartige Mutter…
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Danke. Manchmal glaube ich selber dran. 🙂 Im Falle dieses kleinen Jungen war es klar – der reagiert auf nichts und niemanden so – außer auf uns beide. Und er wusste immerhin nicht, dass wir verwandt sind. Er wird seine Gründe haben…
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Ein herzerwärmender Blogeintrag. Das hast du einfach drauf. Danke. 🙂
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Danke Dir. Ich hab echt eine Weile überlegt, was Kaggemäh sein sollte. Wenn Oma das nicht übersetzt hätte, ich weiß nicht, ob ich drauf gekommen wäre. 😉
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Also ich wäre nicht darauf gekommen. Nicht ohne Hilfe. Aber jetzt, da ich weiß, dass es „Kaugummi“ bedeutet, finde ich es total logisch und wundere, dass ich nicht allein darauf gekommen bin. 😉
Es geht aber noch skurriler: Mein Vater konnte als Kleinkind das Wort „Löffel“ nicht sagen und sagte stattdessen immer „Föttl“. Da muss man erstmal drauf kommen!
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Der kleine Sohn meinerFreundin hatte am Freitag Spielzeugtag in der Kita. Er hat sein derzeitiges Lieblingsspielzeug mitgenommen – ein Gewürzstreuer mit Rosmarin drin, den er den „Hui“ nennt. Letztes mal hatte er seinen allerliebsten Klappstuhl mit, neben all den Kindern mit ihren Teddys und Puppen, also ist sein Hui schon eine Verbesserung, glaube ich…
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Herrlich! Und extrem niedlich! Was für ein besonderes Kind!
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Oh ja, definitiv. Hui darf sogar in seinem Bett schlafen. Hauptsache, der Rosmarin hat es schön kuschelig… 😛
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Ich muss so lachen … Kinder können so erfrischend sein! 😀
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Ich hab ein Bild hier, wie er neben seinem Hund im Bett liegt und beide tief schlafen, mit Bettdecke drüber und in genau derselben Haltung. Das ist Cuteness overload. Man bekommt schon vom Angucken Diabetes…
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Ich habe das Bild gerade vor meinem inneren Auge und kann es mir gut vorstellen. 😉
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Kaggemäh! Ich fall um hier!!! Hahaha!!! Genial geschrieben hast Du das, also nicht das Wort (aber das auch natürlich!), sondern diesen Eintrag. 🙂
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Danke. Ich fand, dass „Kaggemäh“ ein sehr interessantes Wort ist. Er hat es wirklich genauso ausgesprochen. Irgendwie klang es noch netter, als wenn er laut nach Kaugummi gebrüllt hätte. Verzeihlicher.
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Kind halt und deren Mund tut Wahrheit kund. 😉
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Ich mag Kaggemähs, also solche die fordern und an die eigenen Grenzen bringen. Und ich mag solche, die nicht einfach kontakten, sondern vorsichten tasten, tänzeln und schleichen. Letztere lassen einem den Raum, den man braucht. Und erstere bewundere ich für ihren fast unerbittlichen Willen. Und bitte sei so gut, und teile, wenn sich die Gelegenheit ergibt, der Oma mit, das es „Das Omma hat noch Eis zuhause.“ heißt. Oder aber „Es hat noch Eis zuhause.“
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„Es hat noch Eis zuhause“ klingt irgendwie wie bei Hobbits. Niedlich.
Ich mag Kinder allgemein gerne – wenn da was schief läuft, sind es meistens die Eltern, die ich nicht so toll finde. In diesem Fall war ganz offensichtlich, dass der Kleine, wenn er hätte sprechen können, gesagt hätte: „Ey Omma, zuhause bekomme ich auch immer Kaggemäh, jedenfalls wenn ich nur laut genug brülle, also stell dich nicht so an und schieb das Zeugs rüber, aber bitte die Sorte mit dem meisten Zucker, woll!!!“
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Und wenn Omma nicht ganz doof gewesen wäre, hätte sie geantwortet:“Butzelchen, mag sein, dass das bei Euch Zuhause so ist. Aber es ist mega-wichtig für deine spätere Entwicklung, dass Du verschieden gesellschaftlich legitimierte Regelwerke kennen lernst, damit Du es einfach besser machst als Deine Eltern und ich. Das ist Deine Aufgabe in dieser Welt. Und ich finde, Du bist zu klein für Kaggemäh. In meinem Regelwerk besteht die Möglichkeit, dass Du daran ersticken könntest, an dem blöden Ding, auch wenn ich das in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt habe. Und da musst Du heute durch. Außerdem will ich das Zeug weder auf meinen Teppichen, Fliesen oder auf meiner Terasse haben, wenn Du es ausspuckst, weil Du es irgendwann ausspucken wirst.Iß ‚ das Kaggemäh zuhause und bei mir gibt’s voll viel Eis mit noch mehr Zucker und Schokostreuseln, Karamelsosse, Sprühsahne oder auch mit Käse überbacken, wenn Du das willst.“ Irgendwie doch gut, dass dieses Gespräch der beiden auf „Kaggemäh“-„Es hat noch Eis.“ verkürzt ist.
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Ich glaube, wenn Omma DAS geantwortet hätte, hätte ich noch vom Supermarkt aus gebloggt. Mit dem Smartphone!
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