Morgendliche Freude

Der esoterisch-vegan Angehauchteste meiner Söhne schenkte mir vor einiger Zeit, nebst Bio-Kerzen und feinstaub-freien Räucherstäbchen (und einem Gutschein über jede Menge fleischhaltigen Hundefutters) eine wunderbare esoterisch-vegane Teemischung. Ich freute mich pflichtschuldigst (ich hab mich ja auch über die ganzen selbstgetöpferten Aschenbecher gefreut, obwohl ich gar nicht rauche) und stellte die Teemischung erstmal in den Schrank, um all die nicht-veganen, viel weniger esoterischen Tees aufzubrauchen, die meine Mutter mir kurz vorher geschenkt hatte. Nachdem ich nun aber mit Kamillentee, Blasen-Nierentee und der Guten-Abend-Mischung fertig war, habe ich des Kindes Tee wieder hervorgeholt.
Und habe seitdem so eine Ahnung, was am esoterisch-vegan-Sein so großartig ist. Seit ich morgens diesen Tee zubereite, ist mein Leben nämlich voller Spannung und Freude und der Suche nach Erleuchtung.
Erleuchten würde es mich zum Beispiel, wenn ich herausfände, wie man genau 80 Grad heißes Wasser hinbekommt. Mein Veg-Eso-Tee wünscht nämlich nicht, mit stinknormalem kochendem Wasser aufgegossen zu werden; oh nein, 80 Grad will er haben, um all seine tollen Wirkungen entfalten zu können. Irgendwo habe ich mal gelesen, man solle Wasser kochen und dann zehn Minuten stehen lassen, dann sei es genau 80 Grad heiß. Blöd nur, dass ich, wenn ich zehn Minuten auf mein perfekt gewärmtes Wasser warten muss, inzwischen meistens vergessen habe, dass ich überhaupt Wasser trinken wollte. Also schummle ich normalerweise und gebe zuerst einen guten Schwups kaltes Wasser in meinen Becher, bevor ich das Ganze mit kochendem Wasser übergieße. Und „das Ganze“ ist wirklich großartig! Das sind nicht nur irgendwelche Pflanzenkrümel, oh nein, es sind vielmehr richtige Stücke von… naja, von IRGENDWAS, und ich bin jedes Mal ganz begeistert, was sich da so in meiner Tasse findet. Laut Packungsaufschrift handelt es sich um Folgendes:
Gewürze, Orange, Mandel, Baiser, Rosinen und Rosenknospen.
Und he, das stimmt wirklich! Da sind so richtige, kleine Rosen-Knöspchen drinnen, und echte, als getrocknete Orange erkennbare Stücke. Ganz zu schweigen von den Mini-Baiser-Stückchen, die man auch rausfischen und so essen kann. Wenn man möchte. Und wenn man sich dann hat überraschen lassen, von all dem Kram, der jetzt im 80-Grad-heißen Wasser schwimmt, dann kommt überhaupt das Allertollste: Das ganze muss GENAU zwei Minuten lang ziehen. Im Normalfall pflege ich zu vergessen, dass ich überhaupt Tee gekocht habe, und entferne den Teebeutel irgendwann gegen Nachmittag aus der Tasse. Nicht so bei diesem Tee, oh nein. Der zieht seine zwei Minuten lang, und dann ist er fertig. Falls man es wagt, diesen Tee länger ziehen zu lassen, schmeckt er entweder nach Gras, oder das filigrane Gleichgewicht zwischen Wurzelchakra und drittem Auge gerät durcheinander.
Nach einer Tasse dieses Tees, wohlduftend, wohltemperiert, und entspannt genossen, ist man wirklich für alles, was der Tag so bringen mag, gewappnet. Selbst für die schlechten Einflüsse, die einem so über den Weg laufen könnten. Und derer gibt es viele.
Ich habe mir zum Beispiel eben einen Beutel Hagebuttentee aus dem Supermarkt in die Teetasse geworfen und ihn mit kochendem Wasser überbrüht.
Ich hatte ganz schnell mal Durst.







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