Strick-Prokrastination.

„Ich wünsche mir“, sprach mein Sohn dereinst zu mir, „nur ein paar selbstgestrickte Socken zu Weinachten.“ Ich nehme an, er meinte mit dem Wörtchen „nur“, dass er mit diesem bescheidenen Wunsch meine arg strapazierte Geschenkekasse entlasten wollte, aber tatsächlich fände ich es viel weniger aufreibend, „nur“ mit ein paar hundert Euro in ein Geschäft zu gehen und irgendetwas zu kaufen. Socken zum Beispiel. Stattdessen sitze ich jetzt vor dem Fernseher und stricke. Vor dem Fernseher, weil nur dort die Langeweile beim Sockenstricken zu ertragen ist. Andere fleißige Sockenstrickerinnen finden diese Beschäftigung ja geradezu meditativ, aber statt beim Zwickel-Abnehmen in seliges Nirwana abzudriften, hadere ich gedanklich mit meinem Schicksal: „Wieso zum Donnerwetter hat der eigentlich so riesige Füße?“ – „Wie ging noch mal die Ferse?“ – „Wieso läuft da nichts Vernünftiges im Fernsehen?“- „Ob er das grüngeringelte Muster wirklich leiden mag?“ „Wieso um Himmelswillen besitzt dieses Gör auch noch ZWEI Füße???“

Weihnachten war ruhig, nett, hustenfrei und kinderlos. Ich habe endlich ein Kartoffelsalat-Rezept gefunden, das mir wirklich gut schmeckt, und es gab so viele selbstgebackene Weihnachtskekse, dass ich die nächsten drei Monate diesen Kartoffelsalat ganz bestimmt nicht essen sollte, um die überflüssigen Kekspfunde wieder von den Hüften zu bekommen. Außerdem habe ich gerade festgestellt, dass das Überkochen von Tomatensuppe dazu führt, dass die Küche aussieht, als habe der nette Serienmörder von nebenan die Weihnachtstage mit einem verbracht. Also, der mit dem Messer, nicht der mit dem Gift. Morgen sehe ich endlich meine Familie und werde dann Pflanzensamen, Puzzle, Comichefte und Langarm-Bodys in Größe 98 los. Und anderthalb Socken. Wenn ich mich nicht bald mal ransetze. Aber ich habe keine Lust. Dabei habe ich immerhin den Fernseher für mich alleine. Der Beste aller Männer ist nämlich mit dem Hund los – hier in der Nähe, weil gestern hier im Ort ein Hund entlaufen ist und weil der arme Kerl bestimmt furchtbar gefroren hat, so alleine in der Nacht draußen. Vielleicht findet er unseren Hund interessant genug, um seine Schüchternheit zu überwinden und sich einfangen zu lassen. Wer weiß. Überhaupt hält man hier zusammen, im Dorf, weshalb auch der Kellerhund einige Stunden bei mir verbracht hat, als Frauchen einen Unfall hatte – was wir allerdings nicht wussten. Das Handy war nämlich auch kaputt. Ich hatte nur mitbekommen, dass Hund furchtbar weinen musste, also holte ich sie hoch. Sie war immer noch unglücklich, aber wenigstens war sie das leise. Aber trotz allem hält man hier nicht SO zusammen, dass ich irgendeinen Nachbarn überreden könnte, den blöden letzten Socken zu Ende zu stricken. War ja auch nicht das, was sich das Kind gewünscht hat. Er sagte „selbstgestrickte“, nicht „von Nachbarn gestrickte“. Ich mach ja schon..

Ich wünsche euch eine schöne Zeit bist Silvester, und drückt mal die Daumen, dass der Hund wieder auftaucht. Und dass der Socken bis morgen fertig ist. Und überhaupt…


19 Gedanken zu “Strick-Prokrastination.

    1. Echt? Strickst Du Socken? Ich stricke immer mit Begeisterung EINEN Socken, aber beim zweiten kann ich mir nie merken, wie hoch die Ferse war und ab wann die Spitze anfing und so… Dabei schreibe ich es sogar auf! Aber wenn ich dann dasitze, zähle ich immer sicherheitshalber noch 50 mal. Das zermürbt.

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      1. Es ist schon länger her, aber ich habe viel gesrickt….
        Du kannst die socken auch auf 2 “ baustellen“ parallel stricken. Nach 5 runden zur anderen socke wechseln 🥳 So werden die exemplare (vermutlich) gleich gross ☺☺

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      2. Die Idee ist normalerweise gut, aber blöderweise habe ich nur ein Nadelspiel in dieser Größe. Ich wurstel mich weiter so durch. Im Moment stricke ich Socken in gräßlichen Farben. Weil die Wolle hier ist und weg muss. Oh je … :/

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  1. Die selbstgestrickten Socken trägt er sowieso nie, das war wahrscheinlichlich nur ein Verlegenheitswunsch, weil er nicht wußte, was er sich sonst wünschen soll, und er dachte vielleicht, er würde Dir damit eine Freude machen. Tja, Kinder. Du kannst den Rest ruhig mit Tesafilm zusammenkleben, fällt ihm wahrscheinlich kaum auf.
    Wie hast Du den Kartoffelsalat gemacht? Gibt es ein Rezept? Seit Jahren suche ich danach, wie meine Mutter ihn gemacht hat, habe schon einiges ausprobiert, aber bisher leider vergeblich. Im Rheinland ißt man Kartoffelsalat warm – eine unglaubliche Geschmacksverirrung.

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    1. Doch, er fand die klasse. Hat sie auch sofort angezogen.
      Der Trick beim Kartoffelsalat war, die Kartoffeln in einer Mischung aus Brühe und Senf und etwas Essig ziehen zu lassen, bevor man die Mayonnaise dazu gibt. Die Brühe wurde vorher mit der sehr klein geschnittenen Zwiebel aufgekocht. Das war der würzigste Kartoffelsalat ever. Oma hat den nicht so gemacht, aber ausnahmsweise finde ich den trotzdem mal besser.
      Warmer Kartoffelsalat geht gar nicht, und so sehr werde ich mich hier NIE anpassen. Kein Karneval, kein warmer Kartoffelsalat, und was die hier mit dem Grünkohl machen… neeeeeeee!!!!!

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  2. Ich drücke links für den Hund und rechts für die Socke. Dir auch eine schöne „Zwischen-den-Jahren-Zeit“. Und denk dran: Nach Weihnachten ist vor Weihnachten. Du solltest DIREKT nach Vollendung der Socke mit dem Stricken der Socken für Weihnachten anfangen. Augen zu und durch. 😁

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