Trödeldorf

Das Schicksal hatte wirklich einen eigenartigen Humor, als es ausgerechnet in jenem Moment sämtliche Flohmärkte Dank Covid schließen ließ, als ich mich plötzlich ohne die grundlegenden Gegenstände des Lebens wiederfand, als da wären: Muskatnussreibe, Gewürzmörser und Kartoffelstampfer. Wie, dachte ich panisch, soll ich jetzt meine Muskatnüsse reiben, wie meine Gewürze mörsern und meine Kartoffeln stampfen? Klar, kann man alles neu kaufen, diese Sachen, aber da mir auch alle anderen Dinge fehlten und nur mittels Geld zu beschaffen waren, trauerte ich doch den Flohmärkten hinterher, auf denen ich zu einem Bruchteil des Preises und aufgrund mangelnder Benutzung leicht angestaubte Muskatreiben hätte kaufen können.

Seit einiger Zeit haben die Flohmärkte wieder geöffnet. Vorsichtig erst, mit Gesichtsmasken und auf genügend Abstand bedacht, schlich man sich durch die breiten Gänge, sorgfältig jedes Gedränge vermeidend und immer unter den wachsamen Blicken irgendwelcher Ordner, die dafür sorgten, dass alle Viren beim Besitzer blieben.
Jetzt, nach ein paar Monaten, in denen Flohmarkte nicht als Superspreader-Event ausgemacht werden konnten, sieht man das wohl etwas lockerer. Vielleicht sind die Leute auch alle geimpft, ich weiß es nicht, aber auf dem Flohmarkt heute trugen nicht mehr alle Menschen Masken. Es war beinahe ein richtiges Vor-Covid-Feeling. Die übliche Mischung „Gewerblicher“ mit ihren Handyhüllen, den DVDs und den „Alles nur 10 Euro“-Klamotten, dazu die Mamas, welche die zu klein gewordene Babykleidung an den Mann / die Frau “ das Kind bringen wollten, ältere Leute mit überzähligen Siebzier-Jahre-Kuchenplatten (drehbar und mit Pril-Blümchen-Muster) und der obligatorische türkische Obst-und-Gemüse-Händler („Eine Tüte drei Euro, zwei Tüten fünf Euro!“).
Ich war so glücklich, zwei Bücher von Erich Kästner zu erwischen, Stück einen Euro, welche die dem Wasserschaden zum Opfer gefallenen Exemplare ersetzen können, und außerdem besitze ich jetzt eine Hose („Nur zehn Euro!“), welche ein wenig wie eine Schlafanzughose aussieht, aber total gemütlich ist.
Rundum gelungen, der Flohmarktbesuch.

Und dann fuhren wir in Richtung der heimischen Dachterasse, um es uns auf dem Liegestuhl mit „Emil und die drei Zwillinge“ gemütlich zu machen (zumindest die Hälfte von uns), als wir plötzlich ein Schild sahen: „Trödelmarkt. Prombach“.
Ich finde es spricht für eine Beziehung, wenn man sich gut genug kennt, um ohne Rückfrage einfach abzubiegen und nach Prombach zu fahren, nur auf den vagen Verdacht hin, dass da eine Muskatnussreibe sein könnte. Genau das tat der Beste aller Männer nämlich.
Um es vorweg zu sagen: Nein, es gab keine Muskatnussreibe. Aber sonst eigentlich alles. Es gab nämlich nicht etwa einen Trödelmarkt in Prombach, sondern Prombach WAR der Trödelmarkt. Jeder, der irgendwas loswerden wollte, stand mit seinen Schätzen einfach vor der Haustür oder in der Garageneinfahrt, und während man durch das Dörflein wanderte, könnte man von Reitstiefeln über Darth-Vader-Wecker bis hin zu Schaukelstühlen alles bestaunen. Wir blieben standhaft bei dem Kuschelschaf, erwägten kurz den Kauf eines Schokoladenfondues (für zwei Personen) und versuchten verzweifelt, einem Prombacher mit wirklichem Verkaufstalent zu erklären, dass wir weder Flipcharts noch einen Grundkurs Französisch benötigten. Dazu machten wir noch einen netten Spaziergang durch das ganze Dorf, und alle paar Grundstücke fand der Hund einen Napf mit Wasser vor (nur die Katze, die wollte uns lieber nicht auf dem Grundstück haben!).
Schließlich fand ich, wenn schon keine Muskatreibe, so doch den ultimativen Kartoffelstampfer, und jetzt sind wir wieder Zuhause und ich habe die Wahl, entweder Kartoffeln zu stampfen, oder Emil und die drei Zwillinge zu lesen.
Hund und Mann sind erschöpft auf der Dachterrasse eingeschlafen, neben mir summen die Hummeln um die letzten Sommerblüten herum und die Schildkröte randaliert sich einen Weg durch die Blumentöpfe auf der Suche nach Unkraut oder wonach auch immer Schildkröten suchen mögen.

So ein wenig spürt man den Herbst schon, sieht ihn in den Blättern des Vogelbeerbaumes, die sich rötlich färben, und in den Tomatenpflanzen, die jetzt ihre letzten Früchte noch schnell rot werden lassen, aber sonst… Sommer. Eindeutig. Einer der Momente, die man sich für die langen, grauen Wintertage aufbewahrt.

Es ist schön hier.

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