Muckefuck

„Mamaaaaaaa“, schreibt mir mein Sohn über WhatsApp. Es ist lustig, aber seit wir so viele hunderte von Kilometern voneinander entfernt wohnen, reden wir mehr miteinander als in all den Jahren davor. Manchmal verquatschen wir beinahe den ganzen Tag miteinander. Deshalb habe ich auch gelernt, mir keine Sorgen mehr zu machen, wenn er mit „Mamaaaaaaa“ anfängt. Meistens will er nur wissen, welcher Tomatendünger am besten ist oder wie alt Wellensittiche werden. Oder Taranteln.
„Mamaaaaaaa“, schreibt mein Sohn, „wie kann man nur Dinkel trinken?“ Er schickt mir ein Bild von einem äußerst stylischen Pappbecher, ganz wie die von Starbucks, auf dem steht „Dinkel-Kaffee“. „Da kann man doch gleich Kaffee trinken“, sagt mein Sohn.
Ich denke an meine Oma, und an damals, als sie mir von „nach dem Krieg“ erzählte und räuspere mich (was man auf WhatsApp nicht sieht). Und dann erzähle ich meinem Sohn von Kaffee-Ersatz, von gerösteten Eicheln und geröstetem Getreide, vom Schwarzmarkt und von Caro-Kaffee und davon, wie die Hebamme der Omi das Pfund Kaffee geklaut hat, welches ihr als frischgebackener Mutter eigentlich zugestanden hätte.
„Komisch“, sagt mein Sohn, „dass so ein Zeug jetzt wieder modern ist.“

„Mamaaaaaaa“, schreibt mein Sohn zwei Tage später. „Das Dinkelzeugs schmeckt GENAU wie Kaffee!“
„Wie schön“ sage ich und denke wieder an die Oma. Zehn Jahre ist sie nun schon nicht mehr bei uns. Es kommt mir vor wie gestern, dass sie gestorben ist. Ich vermisse sie immer noch schmerzlich. Aber inzwischen ist das Lächeln doch stärker als die Trauer.

2 Gedanken zu “Muckefuck

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