Trithemius frug…

und man begann zu suchen.

Eigentlich hatte ich das Internet schon kurz nach Einzug in unseren Haushalt satt. So satt sogar, dass das Modem (man erinnere sich – entweder Telefonieren oder Internet, wisst ihr noch? Und dann dieses dauernde „ich bin schon wieder rausgeflogen, warte, in zehn Minuten geht’s wieder!“… ach, das waren noch Zeiten!) eines Abends nach einem heftigen Streit im hohen Bogen aus dem Fenster flog. Eine der wenigen wirklich theatralischen Aktionen, die ich mir geleistet habe. Aber danach war dann auch ein paar Jahre Funkstille, und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Irgendwann, ein weiteres Kind später, hockte ich dann zuhause und wusste nichts wirklich mit mir anzufangen. Alle Kinder waren gefüttert oder ins Gymnasium gebracht worden, alle Bücher waren gelesen und alle Rezepte für „Kassler mit Rösti überbacken“ waren ausprobiert. Ich sehnte mich verzweifelt nach ein wenig „Welt da draußen“, und da fiel mir wieder das einstmals verschmähte Internet ein.

Ich begann mit dieser Klugscheißergruppe von Yahoo 360 – man stellte Fragen (die meisten hatten damit zu tun, wie man Augenringe weg bekommt oder ob die Katze schwanger sein könnte, wenn sie doch gar keinen Kater um sich hat außer ihrem eigenen Bruder), und das war genau das Richtige für mich. Die Fragen zu Queen, Hoch- und Tiefdruckgebieten und Schildkröten beantwortete ich mit Leichtigkeit, und anscheinend auch mit einem gewissen Talent für Formulierungen. Irgendwann sprach mich jemand an und meinte, ich solle doch, statt klugzuscheißen, lieber Blogeinträge schreiben.
So kam ich zu Yahoo 360.

Das Bloggen dort war anders als bei Blog.de. Viel lustiger, lebendiger. Statt wohlgesetzte Kommentare unter liebevoll formulierten Blogeinträgen zu lassen, feierten wir in der Kommentarfunktion Partys. Einmal verabredeten wir uns, ein Märchen aufzuführen. Die Rollen wurden verteilt und das Märchen wurde gespielt – in den Kommentaren. Ich erinnere mich, die böse Stiefmutter gewesen zu sein und versucht zu haben, alle umzubringen. Es war witzig. Und es wurden Freundschaften geschlossen, die bis heute bestehen (HALLO PUCK!!!).
Und dann wurde der Blog von Yahoo 360 plötzlich geschlossen. Von heute auf morgen waren wir heimatlos.

Den original ersten Blogeintrag meines Lebens besitze ich nicht mehr, wohl aber den ersten Blogeintrag, den ich auf Blog.de veröffentlichte. Es war einer meiner alten Einträge von Yahoo 360 gewesen und ich wollte „nur mal ausprobieren“. Zu meinem Glück las jemand den Eintrag, fand ihn gut und fragte nach mehr (sonst hätte ich mich wohl nie getraut, noch etwas zu veröffentlichen). Und hier ist er, der nicht-ganz-erste Eintrag. Von 2007. Gefunden in den Weiten meiner – liebe Güte!!! – 1820 Blogeinträge, und zwar indem ich nach „Hausstaubmilbe“ suchte. Was auch sonst.

Schildkröten““, sagt meine Freundin nachdenklich, „“müssen die konfliktfreisten Ehen der Welt führen. Statt zu fragen, ‚Liebling, was hast Du denn, ist irgendwas los?’ guckt der Gatte nur, wo sich der Kopf des Partners befindet. Pendelt er außerhalb des Panzers nachdenklich über einem Löwenzahnblatt, kann man ihn auf die 5 in Mathe des jüngsten Schildkrötensprösslings ansprechen. Ist er allerdings in seinem Panzer verborgen, weiß man, dass Vorsicht angeraten ist“.“
„“Allerdings sind Schildkröten doch recht langsam““, grüble ich. „“Kraken dagegen sind so intelligent, dass sie erst gar keine 5 in Mathe bekommen würden. Die können sogar den Schraubverschluss eines Marmeladenglases öffnen, wenn etwas Interessantes darin ist“.“
„“Das kann mein Jüngster auch““, seufzt meine Freundin, „“aber vor der 5 in Mathe bewahrt ihn das nicht. Da finde ich doch Wale viel interessanter. Wußtest Du, dass Bartenwale richtige Strophen singen?““
„“Hmm… sie lernen sogar neue Strophen von vorbeikommenden fremden Walen. Allerdings singt mein Kind auch dauernd, aber trotzdem hat es bis heute den Trick nicht rausgefunden, wie man seine dreckigen Socken in den 10 Zentimeter daneben stehenden Wäschekorb befördert“.“
„“Raben vielleicht?““, fragt meine Freundin nachdenklich. „“Sie sind intelligent, lernen den Gebrauch von Werkzeugen, können Folgen ihrer Handlungen vorhersehen, und in Japan gibt es sogar Raben, die Nüsse auf die Fahrbahn fallen lassen, damit die Autos die Schalen für sie knacken – und zwar genau auf den Zebrastreifen, damit sie sich die Kerne holen können, wenn die Autos stehen“.“
„“Ich mag Raben““, gebe ich zu, „„allerdings denke ich doch, dass die Zukunft der Welt den Hausstaubmilben gehört““.
Meine Freundin sieht mich verblüfft an.
„“So intelligent sind die doch gar nicht““, meint sie nach kurzer Pause. Ich schüttele den Kopf.
„“Du glaubst doch wohl nicht wirklich, dass es in diesem Leben auf Intelligenz ankommt? Guck Dich doch nur mal um. Nein, die Hausstaubmilben haben einen anderen Trick auf Lager. Sie scheiden an jedem Tag ihres Lebens ca. 20 Kugeln Kot aus. Insgesamt leben sie ungefähr sechs Wochen lang, das macht 840 Kotkugeln, das mehr als das 200-fache ihres eigenen Gewichtes. Ein jahrelang nicht gewaschenes Kopfkissen kann bis zu 10 Prozent seines Eigengewichtes an Milbenkot enthalten“.“
Wir schweigen beide, weil wir kurz nachrechnen müssen, wann wir unsere Kopfkissen das letzte Mal gewaschen haben.
„“Du hast Recht““, sagt meine Freundin dann. „„Intelligenz kann für eine kurze Zeit auf andere Menschen belebend wirken. Aber wenn man genug Scheiße produziert, bleibt man jahrelang unvergessen““.

12 Gedanken zu “Trithemius frug…

    1. Danke, aber ich habe den tatsächlich vergessen. Es gibt da auch Einiges, was ich lieber vergessen möchte. Es war nicht nur alles toll da – auf den Stalker beispielsweise, der sich an meine Fersen geheftet hatte, habe ich dann doch dankend verzichtet, als Yahoo 360 geschlossen wurde.
      Ich glaube nicht, dass es künstlerisch ein Verlust ist, aber… verdammt, wie HIESS ich denn da noch????

      Gefällt 1 Person

  1. Fantastische Geschichte, mit Vergnügen gelesen. (Hab mich eh schon mal gefragt, wohin denn mein ganzer Hausstaub ständig verschwindet und mein Kopfkissen immer schwerer wird… Bloglesen macht schlauer ; )

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