Oh… diese Limonen!

Ich gehöre, und eigentlich bin ich recht stolz darauf, zu den Menschen, die der Meinung sind, dass es nichts bringt, in der Vergangenheit zu leben. Kann man sowieso nicht mehr ändern, die Vergangenheit. Allerdings gibt es so Momente, da drängt sich die Vergangenheit einem trotzdem mit einem kräftigen „Da bin ich mal wieder!“ auf. Besonders, wenn es um Gerüche geht. Dieses Parfüm, „Tosca“ (gibt es das eigentlich noch?), wird mich für immer und unwiderruflich an meine Tante erinnern, frisch gedüngte Felder dagegen an meine Oma. Ich hoffe, das ist nicht irgendwie fies – sie selber roch nie nach frisch gedüngten Feldern. Aber die Felder nebenan, die rochen eben ab und zu so (besonders, wenn sie frisch gedüngt waren), und Oma sagte dann: „Kinder, atmet tief die gute Landluft ein!“ – als ob Kuhscheiße einen irgendwie innerlich reinigen würde. Ich atme immer noch bei jedem gedüngten Feld die „gute Landluft“ tief ein und denke dabei an Oma.

Wenn meine Nachbarin kocht, kommen dagegen manchmal Erinnerungen an die besseren Zeiten meiner Ehe nach oben. Sie ist Afghanin, und das dortige Essen ist dem persischen sehr ähnlich. Und da sie eine gute Ehefrau und Mutter ist, kocht sie jeden Tag – nicht wie ich, die ich den Mann meines Herzens mit läppischen Butterbroten versorge und mir dabei schon so 50-er-Jahre-like vorkomme, dass ich beim Butterstreichen am liebsten „Que sera“ singen und dabei mit meinem Petticoat wirbeln würde.
Irgendwann hat meine Nachbarin bemerkt, dass ich sobald sie kocht (also immer, kurz gesagt) etwas Heimweh bekomme, und daher versorgt sie mich von Zeit zu Zeit mit afghanisch/persischem Essen. Selber kochen könnte ich zwar (wenn auch lange nicht so gut wie sie) – aber nur, wenn ich die Zutaten dafür besäße. Die es in unserem Dorf einfach nicht gibt.

Vor ein paar Tagen klagte ich meinem Sohn mein Leid, und zwei Tage später kamen zu meiner Überraschung hier zwei riesige Pakete an, mit allem, was man so für ein vernünftiges Ghorme Sabzi benötigt.
„Danke, danke, danke, danke, danke!!!“, jubelte ich schriftlich ins Telefon, und fügte, ebenfalls schriftlich: „Hoffentlich mag der beste Mann von allen das auch“, hinzu. Worauf mein Sohn antwortete, es sei unmöglich, Ghorme Sabzi nicht zu mögen. „Jedenfalls“, ergänzte er, „wenn das Fleisch schön zart ist und die Kräuter gut durch und die Bohnen weich gekocht und das Ganze perfekt gewürzt und die Limonenstücke vorm Servieren rausgefischt werden, damit man nicht drauf beißt…“
„Nur keinen Stress“, dachte und fing an zu kochen. Das war gestern.

Eine halbe Stunde, nachdem ich zu kochen begann, klingelte es an der Tür und der Nachbarsjunge stand davor, mit einem Tablett afghanischer Anti-Heimweh-Speisen. Das war so nett – und so gemein. So viel Heimweh hab ich nun auch wieder nicht, dass ich beides hätte essen können. Allerdings – so ein richtiges Ghorme Sabzi schmeckt angeblich am nächsten Tag noch besser.

Ich freue mich auf heute Abend! Und ich glaube, der fruchtige Geruch von Limonen, die würzigen Kräuter, dieser unverwechselbare Duft von Ghorme Sabzi – all das wird etwas sein, das ich für immer mit meinem Sohn verbinde.

Ich hab ihn so lieb.

8 Gedanken zu “Oh… diese Limonen!

      1. Schade, dass ich das verpasst habe. Da hätte ich so richtig vorm Fernseher klugscheißen können:“Bockshornklee! Da gehört Bockshornklee rein, das muss man doch wissen…!“ 😉
        Ich wette, das WAR Ghorme Sabzi – normale Gerichte kann man nämlich gut nachkochen, aber diese Kräuter mit Limone und Fleisch, das ist so ungewöhnlich für Deutsche… Wobei… Es gibt da so Fisch in Tamarindensoße…hmmm…

        Gefällt mir

  1. Wirklich toll von deinem Sohn und auch von deiner Nachbarin. 👍🏻😊
    Das Rezept liest sich unheimlich gut. Ich habe gelesen, dass es die Kräutermischung schon fertig zubereitet zu kaufen gibt. Aber ich nehme an, dass du eindeutig für frische Zubereitung plädierst?

    Gefällt mir

    1. Würde ich. Wenn man in Deutschland Bockshornklee bekommen würde und wenn ich eine Gefriertruhe hätte. Ist beides nicht, aber mir schmeckt es auch so! Alleine, wenn man die Tüte mit den getrockneten Kräutern öffnet, der Duft..
      Hmmmmmmmmmmm 😀

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s