Vogel des Jahres

„Mamaaaa“, schreibt mein Sohn mich an, „da braucht mal jemand Hilfe!“
„Schieß los“, seufze ich schriftlich zurück und bin kein bisschen überrascht, als ich Sekunden später einen Link von „Nabu“, dem Naturschutzbund Deutschland, auf dem Handy habe. Da kann man aus zehn Vogelarten über den „Vogel des Jahres“ abstimmen.
„Die Leute sind immer so gemein zu den Tauben“, sagt mein Sohn. Ich kann das nicht bestreiten, das waren sie schon, als ich noch klein war. Ich erinnere mich, mit einer Klassenkameradin in der Grundschule in Streit geraten zu sein, weil die behauptete, Tauben seien keine Vögel, sondern Ratten, und sie wisse das sicher, ihre Tante habe das gesagt. Nun war ich wiederum sicher, dass das mit den Federn, den Schnäbeln und dem Fliegen Vögel und keine Säugetiere waren, während Ratten Nagezähne, Fell und lange kahle Schwänze ihr Eigen nannten. Meine Argumente damals gingen ins Leere: „Ja, aber meine Tante hat gesagt…“
„Neulich aß ich so mein Brot, und da kam eine Taube und hatte Hunger“, erzählt mein Sohn. „Also habe ich ihr was abgegeben. Und erst hinterher erfahren, dass Tauben füttern totaaal verboten ist.“
Ich kenne das von ihm. Einer seiner besten Kumpel war eine Krähe bei einer seiner Arbeitsstellen. Anfangs teilte er seinen Thunfisch mit ihr, dann rief er mich an und fragte panisch, ob Krähen Thunfisch überhaupt vertragen (kein Problem, mein Kind!) und hatte danach immer Krähen-geeignetes Futter dabei. Auf einem blauen Teller (von Boden fraß sie schon nach drei Tagen nicht mehr!).
„Wenn ich eine Taube wäre, würde ich auch dahin ziehen, wo es leckeres Essen gibt“, sagt mein Sohn.
Ich gebe mich geschlagen, missachte die knuddeligen Rotkehlchen, die bunten Eisvögel und die eleganten Kibitze und gebe meine Stimme den Stadttauben, die auch nur Hunger haben.
„Ich will dich aber nicht beeinflussen“, sagt mein Kind.

Heute morgen lese ich, dass die Wahl entschieden ist. Auf dem ersten Platz sind die Rotkehlchen, welche somit Vögel des Jahres geworden sind. Die arme Stadttaube hat es aber immerhin auf den fünften Platz (von zehn) geschafft, mit 9,2 % aller Stimmen (und eine von den 31.453 Stimmen war ich!). Es scheint, als habe der Vogel doch mehr Freunde, als man vermuten sollte. Und jetzt, beinahe 50 Jahre später, kann ich endlich beweisen, dass es doch Vögel sind: Bei der Wahl zur „Ratte des Jahres“ sind die Tauben immerhin noch nicht aufgetaucht. Wobei… wenn es so eine Wahl gibt… ehrlich, ich warte nur auf eine Nachricht meines Sohnes: „Mama, da braucht jemand Hilfe. Wieso mag eigentlich kein Mensch Ratten? Die sind doch sooo toll. Neulich habe ich meinen Döner mit einer geteilt…“

Das muss er von mir haben.

10 Gedanken zu “Vogel des Jahres

  1. Immer, wenn jemand ein bestimmtes Tier nicht mag, bezeichnet er es als Ratte.

    Dann sind die gewöhnlichen Stadt-Tauben auf einmal Luftratten und die gewöhnlichen Stadt-Eichhörnchen sind Baumratten. Nur die gewöhnlichen Stadt-Ratten, die aus der U-Bahn oder der Kanalisation, die sind einfach nur Ratten. Dabei sind es schlaue, flinke Tiere, sie benutzen sogar Werkzeuge und erkennen eine Mausefalle als das, was sie ist…

    Laborratten finde ich aber auch putziger. Ich kenne Leute, die haben Laborratten als Haustiere.

    Wahrscheinlich sind Ratten nur deswegen so unbeliebt, weil sie angeblich mal die Pest verbreitet haben. Dabei waren das in Wirklichkeit doch Flöhe. Die hätten eigentlich dieses schlechte Image verdient, diese Blutsaug-Ratten, die sie sind…

    Und im Film mit den Ninja-Turtels kommen die Ratten auch schlecht weg.

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    1. Ich unterhalte mich immer mit Ratten, wenn ich welche sehe. Ich mag die. Aber im Wohnzimmer will ich sie eigentlich auch nicht haben.
      Ich hab die Ninja Turtles nie gesehen. Aber war das nicht bei Feivel der Mauswanderer, wo es so einen großen, bösen Rattenkönig gab?

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    1. Und Du hast nicht?
      Ich glaube, normalerweise hätte ich die Kibitze genommen. Die fehlen mir. Als ich ein Kind war, gab es so viele davon. Inzwischen kaum noch. Allerdings hab ich letztes Jahr welche hier auf der Kuhweide gesehen!
      Ich freue mich so auf den Frühling…

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  2. Es war ja irgendwie sowas von klar, dass das Rotkehlchen die Wahl gewinnt. Das war ja quasi von vorneherein der Star unter den zur Auswahl stehenden Vögeln. Wir haben eine Familienversammlung einberufen und unsere Wahl fiel auf die Rauchschwalbe. Früher gab es hier wirklich viele davon, aber inzwischen nicht mehr. Ich hatte auch zaghaft für die Taube plädiert, aber mein Mann wurde als Vierjähriger mal mit Keks über den Markusplatz geschickt. Seitdem mag er keine Tauben mehr leiden…

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      1. Fledermäuse? Echt.
        Wir haben heute ein erstaunliches Schauspiel im Garten. Bei uns nisten Stare und aus irgendeinem Grund werden die heute immer von den Eltern aus dem Nachbargarten verjagt. Warum? Die Stare haben inzwischen auch gemerkt, dass die Eltern nix machen können und legen sich frech mit ihnen an. Deren Selbstvertrauen mag ich haben. 😀
        Erklärungen innerhalb der Familie – die Stare haben was aus dem Elsternest geklaut, die Eltern sind genervt vom Gesang der Stare (wirklich extrem laut) oder sie wollen gucken, wer der Stärkere ist. Ähm ja, merkst man, dass gerade Lockdown ist…??

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