Bibliophil

Es ist Herbst. Zeit, die dicken Socken herauszuholen (oder, wie in meinem Fall, überhaupt Socken herauszuholen) und dafür die T-Shirts bis zum nächsten Jahr ganz hinten im Schrank zu verstauen und stattdessen die selbstgestrickten Pullover in Reichweite zu legen.

Die Zeitschriften reagieren wie jedes Jahr auf den Beginn des Herbstes: Sie malen Bilder von kuscheligen Abenden auf dem Sofa am Kaminfeuer, eingewickelt in eine warme, selbstgestrickte Decke (Strickanleitung auf Seite 54), mit einem schönen Tee, einem Teller voller Kekse (die Bikinifigur wird dieses Jahr nicht mehr benötigt) und ein paar guten Büchern. Die Sommerbücher, zu lesen unter Sonnenschirmen am Strand oder, dank Corona, auf dem heimischen Balkon, verschwinden zusammen mit den T-Shirts im Schrank und werden durch gehaltvollere Herbstlektüre ersetzt. Krimis sind klasse zu dieser Jahreszeit, vielleicht, weil Mord und Totschlag, eingemummelt in eine warme Decke, sich einfach viel entspannter anfühlen als in der Hängematte. Beliebt sind derzeit auch Familiengeschichten, gerne auch etwas opulentere. Das ist wie mit dem Essen, glaube ich. Im Sommer verträgt man eher die leichteren Varianten, aber in der kalten, dunklen, durch Kaminfeuer erleuchteten Jahreszeit kann es ruhig etwas Kräftigeres sein. Die Buddenbrooks beispielsweise sind so eine Art literarischer Grünkohl; „Krieg und Frieden“ gar die Ente mit Rotkohl (und der Füllung bitte so, wie Oma sie machte!). Dazu noch ein paar schöne Bildbände als Nachtisch, und man kann ziemlich sicher sein, den Herbst gut zu überstehen.

Ich bin noch nicht sicher, was ich in diesem Herbst lesen werde. Ich bin spät dran; der Sommer war so schön, dass ich mich nicht davon trennen konnte. Ich habe auch nicht viele Bücher hier; nur die, die mir die Allerliebsten sind, haben es schon den weiten Weg hierher geschafft. Die Auswahl mutet wohl eher absonderlich an. So liegt im Flur „Robbi, Tobbi und das Fiewatüt“, im Schrank steht „Der Herr der Ringe“, ein Stapel „Tim und Struppi“ – Hefte hat es nebst einigen Asterixausgaben (sowie einem Petzi-Buch) immerhin schon ins Gästezimmer geschafft, und auf dem Nachttisch (der Ort mit der wärmsten Decke) befindet sich mein E-Book-Reader, auf dem nicht nur die Gesamtausgabe der Werke von Agatha Christie zu finden sind, sondern auch Bücher von Joss Stirling, Marah Woolf und diverser Indie-Autoren, die manchmal tatsächlich überraschend gut sind (und wenn nicht, hat man nicht viel Geld ausgegeben, um das herauszufinden).

Ein paar spannende Bücher habe ich aber doch gefunden, die ich gerne gedruckt in der Hand halten würde. Da gibt es „The Five“ – das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden“ von Hallie Rubenhold. Die Autorin beschäftigt sich mal nicht mit der Frage „Wer war der Mörder“, sondern erzählt vielmehr anhand der Beispiele der Opfer, wie das Leben damals für die ärmeren Menschen in London war. Ich habe den Anfang bereits gelesen und es verspricht, eine faszinierende Millieustudie zu werden.

Dann habe ich da noch „Berlin – Anfänge einer Großstadt“ von Thomas Böhm gefunden; Erzählungen (und ebenfalls Millieustudien, aber von Zeitzeugen) von vor über hundert Jahren, nur eben nicht ganz so britisch, und vermutlich auch nicht ganz so mörderisch.

Und dann… ich weiß nicht, ob das Buch gut ist, aber es ist ein Bildband von der Sorte, die gut sein KÖNNTE, wenn man wie ich verrückt nach Büchern ist: „Do you read me?“ von Marianne Julia Strauss, eine Sammlung besonderer (und vielleicht auch besonders schöner?) Buchläden. Ich liebe Buchläden. Auch wenn ich meinen E-Book-Reader nicht mehr missen möchte, so ist ein Buchladen, ebenso wie eine Bibliothek, doch immer ein Ort für mich, wie er anregender und gleichzeitig beruhigender; wie er herrlicher kaum sein kann.

Ich bin absolut dafür, dieses Wohnzimmer hier umzubauen, damit es meinen Bedürfnissen entspricht. Eine Idee dafür habe ich schon:

Bild: Reddit

Nur sollten die Tische und Stühle weg, und stattdessen gehört da ein riesiges, flauschiges Sofa hin, mit Kuscheldecke und Tee. Und vielleicht einer schnurrenden Katze.

Das wäre der Himmel für mich.

2 Gedanken zu “Bibliophil

  1. „Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt“, schrieb der Schriftsteller Jorge Luis Borges. Sofa, Decke und für mich bitte Kaffee, das gehört unbedingt dazu, da hast Du völlig recht.
    Das Berlin-Buch interessiert mich sehr, werde ich gleich mal auf meine Wunschliste setzen für meinen nächsten Geburtstag, es ist ja nicht ganz billig. Es erinnert mich an ein Berlin-Buch, das mich sehr beeidruckt hat, weil es so unterhaltsam geschrieben ist: Oliver Hilmes: Berlin 1936: Sechzehn Tage im August. Da werden Zeitzeugenaussagen so geschickt zusammengefügt, daß man einen dichten Eindruck erhält von der Ausnahmezeit, als in Berlin die Olympischen Spiele stattfanden. Zeitgeschichte, die sich wie ein Roman lesen läßt.

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  2. Das Berlin-Buch ist, wenn ich das richtig gesehen habe, eine Zusammenfassung bzw. Auswahl aus einer fünfzigteiligen Reihe von der Zeit um 1910, die wohl recht erfolgreich war. Heute, mit dem Abstand von über hundert Jahren, ist sie bestimmt noch spannender.

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