Farblich divers

Meine Freundin meldet sich über Whatsapp und fragt, was sie tun soll. Zwei Kinder aus der Nachbarschaft haben ihren Sohn zum „draußen spielen“ abgeholt. Nach einiger Zeit kam der Kleine wieder rein und war total gekränkt. Die beiden – sieben Jahre alt, wie er – haben ihn als „blöden Braunen“ bezeichnet. Tatsächlich hat das Kind von seiner leiblichen Mutter sanft gebräunte Haus vererbt bekommen – wie meine Freundin selber übrigens auch, wenn man GANZ genau hinsieht. Ihr Vater ist Inder. Jedenfalls ist sie entsetzt, und weiß nicht, wie sie reagieren soll.

Ich auch nicht.

Tatsache ist, dass meinen Kindern, die eindeutig schwarzhaarig und braunäugig sind, so etwas bis zum Gymnasium erspart geblieben ist. Und danach haben sie es mir nicht mehr sofort erzählt, sondern erst Monate bis Jahre später. Dann, wenn sicher waren, dass ich NICHT sofort hinstürme und mich peinlich benehme.

Nun ist das so, dass ich „Dank“ meiner Gesichtsblindheit nicht besonders auf Hautfarben achte. Ich kann es nicht mal. Sollte ich jemals als Zeuge vorgeladen werden, würde sich das wahrscheinlich so anhören: „Er… naja, ich glaube, es war ein ‚Er’… hatte eine Nase und zwei Augen, da bin ich ziemlich sicher. Haare? Keine Ahnung. Vielleicht. Oder möglicherweise auch nicht“. Solche Kleinigkeiten wie Hautfarben entgehen mir gerne mal ganz. Tatsächlich habe ich erst in der Grundschule gelernt, dass es so etwas wie „bessere Menschenrassen“ gibt. Unsere Lehrerin nämlich, die etwas Gutes tun wollte, teilte uns salbungsvoll mit, dass „Türken und Neger tatsächlich auch Menschen“ seien, genau wie wir. Ich bin nicht sicher, wie das auf meine Klassenkameraden gewirkt haben mag; mich jedenfalls brachte es überhaupt erst auf die Idee, dass das auch anders sein könnte.

Selber lernte ich Rassismus dann erst kennen, als ich mich in einen Perser verliebte. Die Angestellte der Ausländerbehörde behandelte mich wie den letzten Dreck, als ich mich beim Buchstabieren des Nachnamens meines Partners versprach (sie bepöbelte mich, ich sei wohl Analphabetin, aber hey… den Namen KANN man weder buchstabieren noch aussprechen, dazu ist er zu persisch!!!). Und ich war sogar blond und blauäugig und hatte NUR den unverzeihlichen Fehler begangen, mich in einen Ausländer zu verlieben. Was mussten dann erst die richtigen Ausländer bei dieser Megäre erleben?

Einer meiner Söhne wurde, seit er fünfzehn Jahre alt ist, grundsätzlich von der Polizei angehalten (und grundsätzlich wieder laufen gelassen) weil „die Täterbeschreibung genau auf Sie passt“. Dass es keinen Rassismus bei der Polizei gibt, ist wohl ein Witz. Einmal kam mein Sohn total frustriert nach Hause. Sein Kumpel (noch viel dunkelhäutiger als er) kam aus der Haustür und wurde sofort als Tatverdächtiger für irgendwas „geschnappt“ – und: „Mama… er hielt das Butterbrot noch in der Hand, das ihm seine Mami gerade geschmiert hatte“. Damals hätte ich heulen können. Genauso, als mein Sohn (der das irgendwie witzig fand) mir erzählte, dass sein Kunstlehrer seinem blonden, blauäugigen Kumpel für ein Bild eine Eins minus gegeben habe. Und ihm, als er zwei Stunden später mit demselben Bild zu dem Lehrer ging, eine Vier minus. Der Lehrer war bekannt für seine rassistischen Ausfälle, aber das… mein Sohn hat es mir auch sicherheitshalber erst Jahre später erzählt.

Und jetzt der Lütte meiner Freundin. Gut, ich glaube nicht, dass die Kinder diesen Spruch irgendwie rassistisch gemeint haben. Entweder haben sie ihn nachgeplappert (was schlimm genug ist) oder sie suchten einfach einen Grund zum Streiten und der rote Pullover war nicht hässlich genug. Ich habe – ich weiß nicht, ob es richtig war – meiner Freundin gesagt, sie solle kein Drama draus machen, dann wird es auch keins. Sie solle nur erwähnen, dass es langweilig wäre, wenn alle Menschen gleich aussähen, und dass seine Hautfarbe ebenso gut ist wie die der beiden Kinder oder wie die vom afrodeutschen Kinderarzt, und „jetzt geht das Playmobil aufräumen. Das ist viel wichtiger. Heulen kannst du, wenn Dein Kind schläft.“

Und zehn Minuten später standen die beiden Kinder sowieso wieder vor der Tür und fragten, ob ihr Sohn nicht DOCH zum Spielen rauskäme…

4 Gedanken zu “Farblich divers

  1. Schrecklich. In so einer Situation würde ich wahrscheinlich im inneren Daueralarm durch die Gegend laufen, was sich auf die Kinder auch nicht positiv auswirken würde. „Kein Drama“ ist sicher für einen 7-Jährigen und seine Kumpels der richtige Ratschlag, andererseits kann man auf Dauer so etwas nicht durchgehen lassen. Ganz schön schwierig…

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    1. Das war der Grund, warum ich das gesagt hatte. Sie will natürlich ihr Kind mit aller Macht beschützen, aber Tatsache ist, das kann sie gar nicht. Sie kann ihm nur versichern, dass die beiden anderen echt dummes Zeug geredet haben, weil sie ihn ärgern wollten. Über Rassismus würde ich da noch gar nicht mit ihm reden.

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  2. Daraus kein „Drama“ zu machen, ist sicherlich nicht falsch, aber es gar nicht anzusprechen ist nicht richtig. Wenn Kinder lernen, dass so etwas „nicht falsch“ oder konsequenzlos bleibt, dann wird das zu einem Selbstläufer, der schwierig sein wird, Jahre später wieder Rückgängig zu machen. Nur weil die Kinder wieder mit einem spielen wollen, heißt es nicht, dass sie nicht im Hinterkopf unbewusst gespeichert haben, dass sie mit dem „blöden Braunen“ tun können, was sie wollen, er kommt dann trotzdem mit einem spielen, weil er Anschluss sucht. Wer so etwas ein paar Mal durchgehen lässt, der wird später Schwierigkeiten haben, dies für sich richtg zu biegen. Da spreche ich leider sogar aus mehrfacher Erfahrung. Plötzlich ist man dann auf einmal so „sensibel“ oder hört sich Dinge an wie: „Das sind doch nur Kinder“, „Aber das war doch vorher auch gar kein Problem“, „Das ist doch nur Spaß“, bis „Ach, jetzt auf einmal ist man Fremdenfeindlich“ wird alles drin sein. Früh situations- und altersgerecht gegensteuern – und zwar auf beiden Seiten!

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    1. Oh, sie HABEN die Kinder darauf angesprochen, und nein, er ist soweit ich weiß, nicht mit denen spielen gegangen. Nur gibt es verschiedene Gründe, warum man eben kein Drama draus machen sollte. Zum Einen bin ich der Meinung, dass Kinder in dem Alter eben per se nicht fremdenfeindlich SIND (und schon gar nicht, wenn sie sich seit Ewigkeiten kennen) und außerdem, wenn meine Freundin jetzt richtig sauer wird, bekommt sie vermutlich eher Probleme mit den Eltern – die ja die Nachbarn sind. Und die ihren Kindern dann WIRKLICH beibringen, was es heißt, andere Leute fertig zu machen. im Gegensatz zu Kindern können Erwachsene das nämlich echt gut…

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