Eine gar lustige Geschichte in einundzwanzig Akten

„Sie können“, sagt die nette Dame von der Krankenkasse, „uns die Änderungen auch per Internet mitteilen!“

Na, das ist doch toll, denke ich, und schreibe denen mal schnell eine Email, um ihnen die neue Adresse zu geben, damit sie ihre Post nicht immer dahin schicken, wo niemand mehr ist.

„Neinnein!“, ruft die nette Dame von der Krankenkasse in ihrer Antwort-Email, „solche vertraulichen Informationen können Sie nicht einfach per Email senden, denn da können sie von anderen gelesen werden. Sie müssen sich auf unserer Homepage anmelden…“

„Aber ich HABE Ihnen die Adresse doch nun schon einmal geschickt, und egal ob jemand sie gelesen hat, sie HABEN sie doch jetzt!“

„Nö“, sagt die nette Dame von der Krankenkasse, und klingt auf einmal gar nicht mehr nett. „Vorschrift ist Vorschrift!“

Ich setze mich also an den Computer, versuche, irgendwie Internet in den Computer zu bekommen (denn so etwas Schönes haben wir hier auf unserem Berg bisher noch nicht) und arbeite mich über diverse Multiple-Choice-Fragen bis zu „Sie wollen ihre Adresse ändern“ durch.

„Um Ihre Adresse zu ändern, benötigen Sie einen Pin-Code, der Ihnen mit der Post zugesandt wird“, sagt die Homepage zu mir. Und sendet den Pin-Code an die alte Adresse. Die, wo nie jemand ist.

Wochen später gelingt es mir, auf die Homepage meiner Krankenkasse zu gelangen.

„Schön, dass Sie da sind“; freut sich die Homepage. „Geben Sie bitte folgende Daten ein…“. Und ich tippe und tippe, und weiß ganz genau, dass die Krankenkasse meine Daten schon hat, weil ich da schließlich schon seit über dreißig Jahren versichert bin. Und dann kommt plötzlich: „Haben Sie Kinder?“

„Klar hab ich Kinder“, murmele ich, „aber wollen die jetzt wissen, ob ich Kinder habe, die familienversichert werden müssen? Oder nur, ob ich zu irgendeinem Zeitpunkt meines Lebens mal Presswehen hatte und daraus folgend nun irgendwelche Kinder habe, die irgendwo versichert sind?“ Ich beschließe, eine Email an die nette Dame zu schicken. Die Antwort kommt schnell.

„Irgendwelche Kinder“, sagt die nette Dame.

„Die Kinder sind geboren, als ich bei Ihnen versichert war, die müssten doch in Ihren Akten sein“

„Tut mir leid, die Vorschriften…“, bedauert die Dame.

„Die Kinder waren, bevor sie erwachsen wurden, auch alle bei Ihnen familienversichert“, versuche ich zu diskutieren.

„Vrschrftn“, murmelt die Dame, und lässt aus Gründen der Zeitersparnis die Vokale weg. Ich gebe und lege auf und schreibe meine Kinder über Whatsapp an:
„Seid ihr noch bei denen versichert?“

Zwei von ihnen sind es und schicken mir Fotos von ihren Versichertenkarten.

„Sollte reichen“, denke ich, „es muss denen doch klar sein, dass niemand mit meinem Nachnamen mir Fotos von Versichertenkarten schickt, wenn er nicht irgendwie mit mir verwandt ist. Ganz abgesehen davon, dass ich auch sämtliche sonstigen Daten liefern kann, wie Adresse, Geburtstdatum und Dauer des Tragens der Zahnspange als Teenager.“ Und ich sende die Bilder per Email, denn über die Homepage geht das nicht.

„Vooorschriiiiften“, nörgelt die gar nicht mehr nette Dame mich in ihrer Antwort an und benutzt dieses Mal alle Vokale, die sie bei den letzten Versicherten, die so schrecklich nervig waren wie ich, eingespart hat. „Senden Sie mir doch einfach die Geburtsurkunden!“

Meine Kinder sind erwachsen, ich habe ihre Geburtsurkunden nicht bei mir. Die brauchen sie selber, zum Beispiel, wenn sie zufällig mal heiraten wollen, ein Konto einrichten oder sich bei einer Krankenkasse versichern wollen.

„Dann schicken Sie mir doch den Kindergeldbescheid“, schlägt die Dame vor. Ich habe irgendwo Kindergeldbescheide, sicher. Die sind viele, viele Jahre alt, ordentlich in Kartons verstaut und befinden sich 500 Kilometer von hier entfernt. Alles, was ich von meinen Kindern hier habe, sind Fotos, Whatsappverläufe, eine Waschmaschine sowie einige zwanzig Jahre alte, schief und krumm getöpferte Aschenbecher. Ich bin nicht sicher, ob die Whatsappverläufe das Verwandtschaftsverhältnis belegen können, aber die Aschenbecher doch bestimmt? Als lebenslanger Nichtraucher bekommt man NUR von seinen Kindern selbstgetöpferte Aschenbecher. Ja, okay, von den Enkeln auch, aber um Enkel zu haben, muss man ja irgendwann mal Kinder gehabt haben. Aber mit der Logik versuche ich es gar nicht erst. Ich schreibe stattdessen meine Söhne an: „Habt ihr eure Geburtsurkunden irgendwo in der Nähe?“

„Muss mal gucken“, kommt dreimal zurück. Einmal mit dem Zusatz: „Ich suche mal, wenn ich nicht dauernd einschlafe. Die Babys waren die ganze Nacht wach“. Das klingt nicht sehr hoffnungsvoll.

Ich habe den Verdacht, dass es noch ein wenig dauern kann, bis ich alles mit der Krankenkasse geklärt habe…

9 Gedanken zu “Eine gar lustige Geschichte in einundzwanzig Akten

  1. Herzerfrischend geschrieben und zum Schieflachen. Jedenfalls, wenn man nicht Du ist. Oder die „nette“ Dame von der Krankenkasse.
    Bitte lass Vorsicht walten, wenn du die Geburtsurkunden zur Krankenkasse schickst. KEINE Originale, NICHT per Mail, NUR mit PIN-Code. Ich würde zur Sicherheit, damit niemand Unbefugtes sie einsehen kann, alle personenbezogenen Daten schwärzen. Besser ist besser… 🤣

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  2. Krankenkassen und Internet, das sind Antagonismen, also unvereinbare Gegensätze. Ich habe mir mal die App meiner Krankenkasse heruntergeladen, weil man mir versprach, ich könne meine Rechnungen auch so einscannen und einreichen, aber nach mehren ergebnislosen und kostenpflichtigen Hotmail-Gesprächen habe ich es aufgegeben und sitze seitdem wieder in der Warteschlange meiner Filiale, um meine Anliegen persönlich vorzutragen. Ich vermute, da sitzt irgendwo ein Saboteur.

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  3. »Der Weg ist das Ziel« behauptete Konfuzius, aber den Amtsweg hat er damit ganz bestimmt nicht gemeint ; )

    (In Österreich heißt die Krankenkassa übrigens neuerdings »Gesundheitskasse«. Warum, wurde noch nicht herausgefunden.)

    Viel Glück auf Ihrem weiteren Amtsweg, bleiben Sie zuversichtlich!

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    1. Ich frage mich immer, ob es irgendeinen Sinn macht, alte, gewachsene Namen durch Neuerfindungen ersetzen zu wollen. Im dritten Reich haben die das auch versucht. Die deutsche Sprache sollte erhalten bleiben. Trotzdem haben sich der Überstülper und der Schießprügel nie durchgesetzt. Sprache lebt nun einmal, und im Volksmund wird die Krankenkasse vermutlich die Krankenkasse bleiben.
      Allerdings bewundere ich, dass Chemnitz zwischendurch mal Karl-Marx-Stadt hieß und die Leute sich einigermaßen dran gehalten haben. Außer im Volksmund natürlich. Aber sonst immer 🙂

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