Frühstück!

Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen gehört Knäckebrot mit Quark und Brombeermarmelade. Sonntags morgens. Im Garten meiner Oma in der Sonne, während oben auf der Fernsehantenne eine Amsel sang und die Nachbarin neugierig zu uns hinüber guckte, um bloß genau Bescheid zu wissen, was es zum Frühstück gab (Brombeermarmelade. Sagte ich doch!).

Die Brombeermarmelade war selbstgemacht und zwar von Anfang bis Ende. Bei schönem Wetter schmissen wir uns in die ältesten, dicksten Klamotten; die Sorte, die man immer nicht weg wirft, weil man sich denkt, die könnte man noch mal für Gartenarbeit verwenden – und das denkt man sogar, wenn man keinen Garten hat. Nun, Oma hatte einen Garten, aber die Brombeeren wuchsen im Wald, also befestigten wir jeder eine Milchkanne mit einem Gürtel an unserer Kann-man-noch-gebrauchen-Kleidung, schwangen uns aufs Fahrrad und fuhren zu irgendeiner guten Brombeersammelstelle. Und davon gab es viele. Zum Glück, denn die meisten Brombeeren waren natürlich unerreichbar hinter Dornen – was hat sich die Natur dabei bloß gedacht, die leckersten Früchte hinter Dornen aufzubewahren? Aber Oma war nicht bereit, der Natur so ein unsoziales Verhalten durchgehen zu lassen. Sie besaß einige wunderschöne Spazierstöcke, mit deren Hilfe wir die Ranken zur Seite drücken oder an uns heranziehen konnten und durch die dicken Klamotten kam kein noch so fieser Dorn durch. Ich kann mich erinnern, dass Brombeeren-Pflücken Spaß machte (im Gegensatz zum Pflücken der roten Johannisbeeren, was eine elend langweilige und nie enden wollende Tätigkeit war!).

Wenn wir genug gesammelt hatten, fuhren wir mit klappernden, nun gut gefüllten Milchkannen nach Hause und Oma kochte Brombeermarmelade. Ihre Art, Marmelade zu kochen, war von einem gewissen Pragmatismus geprägt. Die Gläser waren sauber, aber sie hatte nicht immer Lust, die Papierschilder abzuweichen, also stand neben „Champignons, zweite Wahl, in Scheiben“ mit Edding geschrieben „BR 82“ und man musste raten, ob das nun wirklich Brombeermarmelade Jahrgang 1982 war, oder ob „BR“ nicht vielleicht doch für „brauner Rosenkohl“ oder „Blöde Radieschen“ stand.

Wenn meine Mutter Marmelade kocht, sieht das Endergebnis immer aus wie aus dem Bilderbuch. Sie packt hübsche Baumwolldeckchen über hässliche Champignon-Deckel, bindet das Ganze mit farblich passendem Band fest und beschriftet es auf kleinen Schildchen in ihrer perfekten Schrift mit Datum und genauem Inhalt. Manchmal gibt es sogar noch einen Marmeladenlöffel dazu. Wunderschön. Und trotzdem, gegen Omas „Blöde Radieschen“-Marmelade kommen ihre Kreationen nicht gegenan. Meine auch nicht. Nichts auf der Welt kann das. Und doch…

…seit Jahren schon will ich Brombeermarmelade kochen, und immer kam irgendwas dazwischen. In Hamburg, wo ich wohnte, gab es zwar Brombeeren, aber es gab auch 1,8 Millionen Einwohner, die was von den Brombeeren abhaben wollten. Im letzten Jahr befand ich mich zur Brombeerenzeit mitten in den Wäldern von NRW, aber die Brombeeren hatten keine Lust. Zu warm, zu kalt, zu wenig Sonne, zu viel Sonne, hungrige Rehe… sie zickten herum wie die Prinzessin auf der Erbse, und mehr als eine lächerliche Handvoll Brombeeren habe ich nicht zusammen bekommen.

Aber JETZT! Der ganze Wald ist voller Brombeerbüsche, und da wächst sogar etwas dran! Ich besitze keinen Spazierstock und kaum noch „zu schlecht für die Arbeit aber zu gut zum Wegschmeißen“-Hosen, ganz zu schweigen von den zerbeulten Blechmilchkannen meiner Kindheit, aber ich bin fest entschlossen, Brombeermarmelade zu kochen. Alte Champignongläser (zweite Wahl, in Scheiben) stehen hier schon. Bald gehe ich raus und sammle Brombeeren und dann koche ich Marmelade und beschrifte das Ganze mit „B.ZEaO“.

Brombeermarmelade. Zur Erinnerung an Oma.

Und dann lasse ich meine Enkelkinder raten…

8 Gedanken zu “Frühstück!

  1. Mein Gott, das klingt so toll und liebevoll! Ich wünsche Dir eine superreiche Ernte und viel Erfolg beim Einkochen der B.ZEaO! Und Deinen Enkelkindern in späteren Jahren eine ebenso fröhliche Erinnerung. 🙂

    Liebe Grüße,
    Werner

    Gefällt 2 Personen

    1. Hatte ich auch mal. Als ich noch einen Garten hatte. Jetzt hab ich eine Dachterrasse und käme mir albern vor, wenn ich welche im Topf hätte, wo die doch alle draußen wachsen!

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