Das Ding in der Jackentasche

…oder: „was mir zu Jules Kramprojekt einfällt

Jedes Jahrzehnt hat seine modischen Eigenheiten und Torheiten. Bleistiftröcke in den Vierzigern beispielsweise, weniger hervorgebracht durch das Bedürfnis, sich körperbetont zu kleiden, als vielmehr dem damaligen Mangel an Stoff geschuldet. Dann Petticoats und weiße Söckchen in den Fünfzigern, eine Mode, die ich immer niedlich fand, oder Mary Quants Minirock in den Sechzigern, der mir in Form alter Schwarz-Weiß-Fotos meiner Mutter im Gedächtnis geblieben ist.

Ich selber habe nichts davon miterlebt. Ich bin ein typisches Kind der Siebziger, und als solches hatte ich mich mit Schlaghosen herumzuschlagen (vermutlich hießen die deshalb so), die in den Ketten der Bonanza-Fahrräder hängenblieben und einem so manch unvorhergesehenen Abgang auf das harte Straßenpflaster bescherten. Man trug gelb-braune Polyacrylpullover zu roten Hosen und dazu blaue Socken und kam sich kein bisschen merkwürdig dabei vor. Und da die Farbfotografie infolge der beliebten Polaroid-Kameras einen ungeahnten Aufschwung erlebte, sind alle diese Modesünden der Nachwelt auch erhalten geblieben. Mitsamt dem entzückenden Gelbstich, der damals anscheinend die ganze Welt überzog. Ich selber erinnere mich daran nicht mehr.

Woran ich mich aber erinnere sind die Bundeswehrparkas, die in den Siebzigern einfach jeder trug, angeblich zum Zeichen der Missachtung des Establishments, oder vielleicht auch nur, weil sie schön warm waren. Selbst meine Großmutter, welche die Bleistiftrockzeit einigermaßen unbeschadet überstanden hatte, legte sich ein solches Teil zu, ebenso wie meine Mutter, die inzwischen von den Miniröcken Abstand genommen hatte.

Und so hingen dann zwei genau gleiche Parkas, in genau der gleichen Größe, derselben Farbe und mit identischer Deutschland-Flagge am rechten Ärmel an der Garderobe, und wenn es nach draußen zum obligatorischen Sonntag-Nachmittag-Spaziergang ging, setzten hektische Diskussionen ein: „Welcher war meiner?“

Eines Tages war ich mit meiner Mutter in der Stadt und tat, was alle Kinder der Siebziger-Jahre in so einem Fall taten: Ich bettelte so lange, bis sie mir einen Groschen für den Kaugummiautomaten gab. Und da es ihr Geld war und da ich ein freundliches Kind war, brachte ich ihr eine rote Kaugummikugel mit. Und zwar nicht nur eine der normalen, sondern eine in XXL – obwohl damals „XXL“ noch gar nicht erfunden war. Damals war die Kaugummikugel einfach nur groß. Sehr groß. So groß, dass meine Mutter sich völlig überfordert damit fühlte, das Ding zu kauen. Sie bedankte sich stattdessen bei mir und steckte das Teil in die Tasche ihres Parkas.

Von diesem Tag an gehörten die Diskussionen darum, wem welcher Parka gehörte, der Vergangenheit an. Der Parka mit der roten Kaugummikugel gehörte meiner Mutter, der andere Oma. Mussten die Parkas gewaschen werden, wurde kurzfristig die Kaugummikugel entfernt und hinterher sorgfältig wieder in der Tasche deponiert.

Nun, die Zeit blieb nicht stehen. Karottenhosen, College-Schuhe und Sweatshirts mit sinnlosen Zahlen im Brustbereich lösten die Polyacrylpullover und die Schlaghosen ab, und irgendwann war dann auch die Zeit der Parkas abgelaufen. Eine Weile wurden die beiden noch anstandshalber in Plastiktüten aufbewahrt, und dann, als klar war, dass sie so schnell doch nicht wieder modern werden würden, wird man sie wohl entsorgt haben.

Ebenso die rote Kaugummikugel.

Manchen Krempel hebt man eben doch nicht das ganze Leben lang auf. Aber vergessen muss man ihn auch nicht…

3 Gedanken zu “Das Ding in der Jackentasche

  1. Schön, gleich einen Streifzug durch die Moden der Jahrzehnte mitzubekommen. Die rote XXXL-Kaugummikugel, das kuriose Unterscheidungsmerkzeichen, muss ja mit den Jahren versteinert sein. Vielen Dank für die hübsche Geschichte.

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