Das Geheimrezept

Ich habe eben, glaube ich, eine hochentwickelte Zivilisation vernichtet. Sie basierte nicht, wie wir, auf Kohlenstoff, sondern auf Glukose-Fruktose-Sirup und Branntweinessig, und hatte zweifellos jede Menge Zeit, sich bis kurz vor die Entdeckung des Worp-Antriebes weiter zu entwickeln, als ich mit dem Tuch kam und den ekligen, angetrockneten Klumpen vom Rand der Ketchupflasche entfernte.
Ein bisschen leid tat es mir schon, aber was sollte ich tun? Wenn meine Kinder kein Ketchup zu ihren Bratkartoffeln bekommen, haben sie eine unglückliche Kindheit, und dann werden sie nie den Worp-Antrieb entdecken. Ich finde, es müssen Opfer gebracht werden.

Neulich zum Beispiel, da fiel mir eine alte Kiste in die Hand. Ich hatte diese Kiste lange in der Garage liegen gehabt, wusste aber nur, dass es sich um eine fast vergessene Erfindung irgendeines lange verstorbenen Onkels handelte, unter der Nummer 1.781.541 zum Patent angemeldet und seitdem in meiner Garage unter Fahrradschläuchen, alten Planschbecken und rostigen Schaufeln verborgen.
Mir war erzählt worden, dass es sich um einen Universalübersetzer handeln sollte, von dem der lange verstorbene Onkel gehofft hatte, er könne die Kommunikation mit uns eventuell besuchenden Außerirdischen erleichtern. Außer „Widerstand ist zwecklos“, „Faszinierend“ und, merkwürdigerweise, der Zahl 42, hatte das Ding allerdings nie einen Satz herausgerückt und war dann wohl als grandiose Pleite in meiner Garage gelandet und in Vergessenheit geraten.
Beim Entrümpeln der Garage stellte ich die Kiste jedenfalls auf den Rasen und konnte plötzlich ein merkwürdiges Geräusch daraus vernehmen. Ich fragte mich unwillkürlich, ob ich versehentlich eine der Nachbarskatzen darin eingesperrt hatte – nur hatte ich die Kiste gar nicht geöffnet. Aber sicherheitshalber hebelte ich den Deckel doch auf – und hörte aus einem trichterförmigen Metallteil merkwürdige Töne. Zuerst klangen die Töne so ähnlich wie die Musik der Comedian Harmonists (was schon mal nicht schlecht war), dann aber konnte ich plötzlich einzelne Stimmen und Worte auseinander halten.

„Letztes Jahr“, sagte eine der Stimmen, „haben wir Clarice verloren, Elwood, Johnny, Damian, Noël, Elfriede, Harry…“
„Machs kurz“, entgegnete eine andere, offenbar genervte Stimme, „sag lieber, wer noch am Leben ist“.
Die erste Stimme schwieg einen Moment. Offenbar musste sie das überdenken.
„Naja, wir“, sagte sie dann. „Allerdings sollte das ausreichend sein. Meinen Unterlagen nach sind wir nur noch hundertsiebenunddreißig.“
„Das können wir steigern“, bemerkte eine andere Stimme. „Wenn wir uns anstrengen kommen wir noch vor Beginn des Sommers auf Zweitausendfünfhundertundelf“
Ich erschrak. Wer waren diese Leute? Wen wollten sie zu Hilfe holen und was hatten sie dann vor? Schnell drückte ich mein Ohr fest an den Trichter.
„Naja, es muss natürlich ein wenig Schwund eingerechnet werden. Im letzten Jahr sind viele von uns dem Alkohol verfallen…“
„In den Alkohol gefallen“, meinte eine hämische Stimme.
„Na, dann eben das“, gab die erste Stimme genervt zurück, „und andere sind nach einem äußerst leckeren Essen einfach verschieden. Eleonore zum Beispiel…“
„Jaja, ist ja gut“, murmelte jemand genervt. Die Geschichte mit Eleonore, wer auch immer das war, musste wohl schon einige Male erzählt worden sein, und der Sprecher hörte dann auch gleich auf damit. Ich fand das schade. Mich hätte interessiert, wie Eleonore es geschafft hat, sich zu Tode zu essen.
„Der Kaffee“, berichtete die Stimme ungerührt weiter, „hat uns ein wenig zu schaffen gemacht. Ich selber hatte tagelang Kopfweh. Und was das Sägemehl angeht…“
Irgendwer kicherte verhalten. Auch die Stimme schien amüsiert zu sein. Dann jedoch räusperte sie sich und sprach weiter.
„Jedenfalls heißt es für uns: keine Gnade! Wir werden alles vernichten, was sich uns in den Weg stellt! Rache für Eleonore! Tod allem Lebenden! Weg mit allem Toten! Hinfort, hinfort…“
Ich begann zu zittern. Wer hatte da allem Lebenden den Kampf erklärt? Wer war so gewissenlos, auch noch alle Toten zu vernichten? Und woher kamen diese Stimmen überhaupt? Ich besah mir den Kasten von allen Seiten, spähte auch noch einmal sorgfältig in ihn hinein, konnte aber überhaupt nichts Außergewöhnliches feststellen.
Mit einem sehr unguten Gefühl verschloss ich das Patent Nummer 1.781.541 wieder und stellte es in eine besonders dunkle Ecke der Garage.

Als ich am nächsten Morgen den Garten betrat, begann in mir ein Verdacht zu keimen: Da hatte doch jemand über Nacht tatsächlich alle meine Tagetes gefressen! Die schönen, orangeroten Blüten waren fort, nur noch kleine grüne Stängel waren übrig geblieben!
Lange überlegte ich, was ich tun sollte. Schneckenkorn wäre natürlich die einfachste Methode, um der Plage Herr zu werden. Zumindest würde dann jemand nach einem exzellenten Mahl sterben. Oder Bierfallen? Soll nicht Kaffeesatz gut sein gegen Schnecken? Aber eigentlich hatte ich all diese Mittelchen schon in den Jahren zuvor ausprobiert, und nichts hatte wirklich für längere Zeit geholfen.

Diese Geschichte ist jetzt zwei Wochen her. In meinem Garten blühen wieder Tagetes, und keine Schnecke macht sich darüber her. Sehr zur Verwunderung und zum grenzenlosen Neid meiner Nachbarn, bei denen die Schneckenplage in diesem Jahr besonders schlimm ist.
„Was ist das Geheimnis?“, wurde ich gefragt. Ich habe es bisher niemandem verraten. Aber eigentlich war es ganz einfach.
In der Nacht nach dem Tageteskahlfraß holte ich das Patent Nummer 1.781.541 wieder aus seiner dunklen Ecke in der Garage, baute es auf dem Rasen auf und sprach mit düster klingender Stimme die folgenden Worte hinein:
„Ich bin der Rächer alles Lebenden, der Freund aller Toten. ICH bin der Herr über Kaffeesatz und Bierfallen und unbekömmliche Mahlzeiten.
Wenn ihr nicht enden wollt wie Clarice, Elwood und Johnny, wenn ihr nicht sterben wollt wie dereinst Damian, Noël, Elfriede, Harry UND Eleonore, dann verlasst diesen Garten für immer und ewig. Hinfort, hinfort
…“

Das Patent Nummer 1.781.541 hat eigentlich immer ganz hervorragend funktioniert. Nur eben ein wenig anders, als der Erfinder sich das gedacht hatte…

29 Gedanken zu “Das Geheimrezept

  1. Wärest Du denn unter Umständen bereit im Names des seligen Onkels Verhandlungen zur Verleihung dieses Wunderwerkes zu führen?
    Am besten gleich mit Dir selbst als Medium das auch unseren Garten nachhaltig von naturgegebenen Plagen befreit?

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  2. Na – dann verkauf mal das Patent 🙂 Ich bin mehr als beeindruckt!

    Ich hab ja nen Uronkel, der Erfinder war. Neben etlichen wirklich guten Erfindungen (er hatte ne Maschinenbaufirma) hat er sich – nachdem sein Sohn die Firma übernahm und irgendwann mal dafür sorgte, daß Vattern sich mit über 80 auch wirklich in den Ruhestand verabschiedete, der Erfindung von nicht ganz so zielgerichteten Dingen gewidmet.
    Jede Woche wurde zu Beginn ein Riesentopf Suppe gekocht, damit die übrigen Tage nicht durch Küchenarbeit gekürzt waren. Und dann: Arbeit am Perpetuum mobile….

    Mit 97 starb dieser Großonkel….. keine Ahnung wo das Perpetuum mobile schlummert – ist es unter Patent Nummer 1.781.541 in Deiner Garage zweckentfremdet?

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      1. *hihi* Dazu fällt mir eine kleine Geschichte ein. Mir wollte mal jemand erzählen, er habe ein „Andrea Mogli“ erfunden. Erst nach längeren Erklärungen kam ich darauf, dass er ein Perpetuum Mobile meinte. :crazy:..Es hatte aber auch nicht funktioniert.

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      2. Wenn es nicht funktioniert, darf man es auch ruhig umbenennen. Ich meine, für ein Andrea Mogli funktionierte es bestimmt recht gut (einer meiner Söhne behauptete mal, der Begriff „Volt“ wäre nach Lord Voldemort benannt…)

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  3. Iich will ja nicht nörgeln!!!, aber 😉 Das berühmte männliche Aber, das Adam von Eva gelernt hat und seitdem mehr oder minder erfolgreich anwendet:

    ,aber Branntweinessig und auch Glukose – Fructose etc basieren auf Kohlenstoff
    C2H4O2 z.B. für Essig
    C6H12O6 für Glucose

    also hast Du keineswegs eine völlig anders geartete Lebensform vernichtet
    :wave:

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      1. Ja, bitte. Unsere Wiese ist der Alptraum. Lauter kleine braune Häufchen. Falls du keinen Maulwurf hast, stell das Teil mal in den Kaninchenkäfig, mal schauen, was die dazu so sagen.

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  4. Hallo^^

    Die geschichte hört sich ganz nett an aber ich möchte darauf hinmerken das das patent „1.781.541“ am 11. november 1930 auf albert einstein zugeschrieben wurde. Es handelt sich hier um die Kühlmittelpumpe von Einstein und ist zusammen mit seinem kollegen Leó Szilárd erfunden worden 🙂

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